2017 wollen die Glarner Reformierten feiern

Die Reformierten Kirchen feiern 2017 weltweit ihr 500-Jahr-Jubiläum. Mit einer Fülle von Veranstaltungen erinnern sich auch die Glarner Kantonalkirche und die Kirchgemeinden ihrer Wurzeln. Gleichzeitig ist mit dem Reformprojekt «Generationenkirche» ein Aufbruch geplant.




«Quer denken – frei handeln – neu glauben». So heisst der Slogan, den sich die Schweizer Protestanten fürs Jubiläumsjahr 2017 selbst gegeben haben. Es steckt in diesen Begriffen immer noch etwas von jenem Revoluzzertum, das vor einem halben Jahrtausend in Europa zu einer Kirchenspaltung führte. Die Katholische Kirche bekam Konkurrenz, die schliesslich zu ihrer eigenen Erneuerung führte. Im Zuge der sogenannten Gegenreformation versuchten die Katholiken, mit inneren Reformen verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Nicht verschwiegen sei, dass «Nicht-Gläubige» schonungslos verfolgt wurden. Im 16. und 17. Jahrhundert führten Glaubenskriege in Europa zu einem scheusslichen Blutvergiessen und Millionen Toten. Erst der Westfälische Friede von 1648 machte der Schlächterei unter Christen ein Ende. Die Reformation war nicht mehr rückgängig zu machen.

Luther-Zwingli-Calvin

Die Protagonisten der Reformation in Mitteleuropa waren Figuren, die die meisten Menschen heute zumindest dem Namen nach kennen: Luther-Zwingli-Calvin. Die Neuerer hätten vor 500 Jahren gewiss Prominentenstatus besessen, hätte es Facebook, Twitter und andere Social Media schon damals gegeben: In Windeseile über die Welt verbreitet hätten sich die 95 Thesen, die Martin Luther 1517 an der Schlosskirche zu Wittenberg anschlug. Darin nahm Luther wortgewaltig Missstände in der Katholischen Kirche aufs Korn, zuvorderst den blühenden Ablasshandel. Dieser hatte sich zum Nachteil der einfach gestrickten Gläubigen zur Geldmaschine von Kirche und Klerus entwickelt. Die Vorstellung, das sich mit Geld und dem Plazet der Geistlichkeit Sündenbefreiung und ein Platz im Himmel erkaufen liess, war für den deutschen Reformator buchstäblich des Teufels. Martin Luther thematisierte diese Missstände als Erster und wurde so zum Wegbereiter für andere Reformatoren. Aus Schweizer Sicht sind in diesem Zusammenhang Ulrich Zwingli, Bauernsohn aus dem Toggenburg, sowie der in Genf wirkende Johannes Calvin zu nennen. Der Calvinismus stellt heute die weltweit grösste protestantische Strömung dar.

Rückbesinnung aufs Evangelium

Die Reformatoren des 16. Jahrhunderts strebten eine grundlegende Erneuerung der Kirche an, nicht aber die Gründung einer neuen «protestantischen» oder «reformierten» Kirche. Sie proklamierten in ihren Schriften ein «back to the roots», eine Rückbesinnung also auf das Evangelium, auf die «frohe Botschaft». Nach reformiertem Verständnis schlummert Gott in jedem einzelnen Menschen. Alle Menschen haben direkten Zugang zu Gott: Gott ist Mensch, Mensch ist Gott. Demzufolge braucht es keine zwischengeschalteten Instanzen, die die göttliche Botschaft vermitteln. Für die (katholische) Kirche des Spätmittelalters war solches «reformiertes» Denken revolutionär und selbstredend inakzeptabel.

Zwingli war in seinen frühen Berufsjahren als Pfarrer in Glarus durchaus kein Revoluzzer, der gegen die bestehende Kirche antrat. Nicht die Frage um den «richtigen» Glauben führte 1516, zehn Jahre nach seinem Amtsantritt, zur Entlassung aus dem Glarner Kirchendienst, sondern seine kritische Haltung gegenüber dem Söldnerwesen. Weil gut bezahlt, war der Kriegsdienst in fremden Heeren lukrativ. Viele Bauernsöhne in der Innerschweiz zogen das Kriegshandwerk bitterer Armut zu Hause verständlicherweise vor. Mit seiner Opposition gegen die Reisläuferei hatte Zwingli einen schweren Stand. Seine Haltung wurde massgeblich durch die Erlebnisse auf den Schlachtfeldern Norditaliens geprägt, wo Zwingli als Feldprediger im Einsatz stand und zuschauen musste, wie sich Schweizer Söldner aus verschiedenen Kriegslagern gegenseitig die Köpfe einschlugen. Glaubensfragen im engeren Sinn umtrieben Zwingli erst nach der Zeit als Glarner Pfarrer. 1519, also bloss zwei Jahre nach Luthers Thesenanschlag, wurde er ins einflussreiche Amt eines Leutpriesters am Zürcher Grossmünster berufen. Seine Art der Auslegung der Evangelien und sein rhetorisches Talent kamen bei der Zürcher Obrigkeit gut an. Die Gnädigen Herren der Stadt verfügten in der Folge, dass die Priester im Einflussbereich von Zürich die Heilige Schrift nach Zwinglis Vorgaben auszulegen hatten.

Reformprojekt «Generationenkirche»

Dem Reformationsjubiläum 2017 wollen auch die Glarner Kantonalkirche und die Kirchgemeinden breiten Raum geben. Erste Veranstaltungen, an denen über die Bedeutung der Reformation und über das Wirken Ulrich Zwinglis informiert wurde, haben vor einem interessierten Publikum bereits im Herbst 2016 stattgefunden. Eine ganze Reihe von weiteren Events und Veranstaltungen sind für 2017 geplant (vgl. Textbox). Die Glarner Reformierten wollen aber nicht nur rückwärts schauen, sondern den Blick nach vorne richten. Dabei wird dem Umstand Rechnung getragen, dass die etablierten Kirchen akzentuiert in grossstädtischen Agglomerationen einem Mitgliederschwund ausgesetzt sind. In sanfterer Form zeigt sich das Phänomen auch in ländlichen Gegenden. Die Kirchenführung der Reformierten im Glarnerland hat deshalb das breit angelegte Reformprojekt «Generationenkirche» lanciert. 2012 wurde darüber erstmals öffentlich informiert. Ziel ist es, aktiver als bisher auf heutige Menschen mit ihren je unterschiedlichen Biografien, Bedürfnissen sowie spirituellen und kirchlichen Bezügen zuzugehen. «Kirche ist ein gastlicher Begegnungsort, wo ich mich eingeladen fühle und gerne hingehe», lautet eine der Kernbotschaften des Reformprojektes. Das 500-Jahr-Jubiläum der Reformierten Kirchen erscheint als idealer Zeitpunkt, um sich ernsthaft mit dem eigenen Woher und dem Wohin auseinanderzusetzen.

Veranstaltungen zum Reformationsjubiläum 2017

Freitag, 10. Februar 2017
Frauen der Reformationszeit
19.30 Uhr, Landratsaal, Rathaus Glarus
Referentin: Dr. Rebecca A. Giselbrecht

Freitag, 12. Mai 2017
«Die Vertreibung»
Stadtkirche Glarus
Theater von Remo Sangiorgio

24. – 28. Mai 2017
36. Deutscher Evangelischer Kirchentag Berlin/Wittenberg
Zum Reformationsjubliäum 2017 organisiert die Landeskirche eine Reise an den 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin/Wittenberg.

Sonntag, 17. September 2017
Musik aus der Reformationszeit
Kirche Ennenda
Kirchenchor Ennenda, Vokalsolisten, 5-stimmiges Gamben-Ensemble, Orgel
Es stehen sowohl geistliche als auch weltliche Werke des Schweizer Komponisten Ludwig Senfl (zirka 1490 – 1543) im Zentrum.

September 2017 (genaues Datum wird noch bekannt gegeben)
«Die Chronik des Balthasar Hauser»
Stadtkirche Glarus
Lesung mit Alfonso Hophan. Die Lesung wird unterbrochen/begleitet mit Essen und Musik, wie es zur Zeit der Reformation üblich war.

Donnerstag, 26. Oktober 2017
«Kinder und Jugendliche nicht um Gott betrügen: Religiöse Erziehung als Herausforderung und Chance»
19.30 Uhr, Soldenhoffsaal Glarus (Eingang Gerichtshausstrasse 25)
Vortrag von Prof. Albert Biesinger für Eltern und Erziehende:
Kindern und Jugendlichen die Beziehung zu Gott zu erschliessen und mit ihnen gemeinsam den tieferen Sinn des Lebens zu suchen, ist eine grosse Herausforderung. Albert Biesinger, geb. 1948, hat zum Thema religiöse Erziehung ein Leben lang geforscht. Er war bis zu seiner Emeritierung Professor für Religionspädagogik, Kerygmatische Theologie und Erwachsenenbildung an der Universität Tübingen.

Sonntag, 5. November 2017
Kantonaler Gottesdienst zum Reformationsjubiläum, mit Rahmenprogramm
Stadtkirche Glarus