500 Jahre Reformation – wie weiter?

Hochwertige Diskussion lockt zahlreiche Besucherinnen und Besucher in den Landratssaal.

Prof. Dr. Ralph Kunz, Professor für praktische Theologie an der Universität Zürich und Christoph Weber-Berg, Präsident der Reformierten Kirche Aargau und Wirtschaftsethiker, waren der Einladung der kantonalen Kirchenrätin, Andrea Trümpy gefolgt und referierten über die Zukunft der Kirche.

 




Ralph Kunz provozierte gleich zu Anfang: die Antwort auf die Frage «Wie weiter?» sei sonnenklar: Kirche wird ärmer, älter und kleiner. Damit nahm er eine Analyse der NZZ Sonntag auf und beleuchtete sie kritisch. Wir seien vom Phänomen Framing beherrscht, das heisst, wir hätten die Tendenz nur einen Bildausschnitt zu erkennen. Das bekannteste Beispiel für Framing sei die Idee vom halbleeren oder halbvollen Glas. Denke man also, die Kirche sei ja halb leer, dann liesse das den Schluss zu, dass sie sich immer weiter leert. Sehe man sie als halb voll, dann folge man der Tatsache, dass ja immerhin 25% der Bevölkerung der Reformierten Kirche angehörten. Die Kirche sei vielleicht nicht mehr so fit, aber sie habe ungeheure Ressourcen. Als Gemeinschaft in Bewegung müsse sie sich auf den Weg machen, auch wenn sie einem Hybrid gleich verschiedene Antriebe habe, die sie dazu nutzen könnte. Die Reformatorinnen und Reformatoren haben sich bewegt, hin zur Quelle, die sich nach Römer 12 nicht der Welt gleichstellt, sondern Gottes Wille zur Erneuerung heranzieht. «Christsein ist eine Lebensform!», betonte Kunz und kam zurück auf das ärmer, kleiner, älter vom Anfang. Ärmer könne auch heissen: elementarer, kleiner: gemeinschaftlicher und älter: reifer.

Damit übergab er den Stab an Christoph Weber-Berg, der in seinem Referat die Situation des 16. Jahrhunderts mit der heutigen verglich. Den Reformatoren ging es insbesondere darum, die Botschaft Gottes in eine verständliche Sprache zu fassen. Martin Luther nannte das «Den Leuten aufs Maul schauen». Eine Tatsache, die unter anderem in den Bibelübersetzungen konkret wurde. Das Sprachproblem sei heute sogar noch schwieriger, referierte Weber-Berg schmunzelnd. Die Reformatoren hätten sich mit Lateinisch beschäftigen müssen, heutzutage müsse grundsätzlich eine Sprache gefunden werden, die die Menschen verstehen könnten. Die Leute wollten keinen Pfarrer, der beim Bier anders spräche als auf der Kanzel. Für Kirche hiesse das, dass sie erkläre, was ihre Botschaft von Versöhnung, Hoffnung, Gnade und Gerechtigkeit bedeute. «Sind wir eine Institution, die gegen den Niedergang kämpft, oder haben wir das Gefühl, wir müssen auch für etwas einstehen?», fragte Weber-Berg in die Runde. Früher wären die Kirchen ja voller gewesen und nicht wenige würden sich nach diesen Zeiten sehnen. Aber, war das wirklich die bessere Kirche, als die Menschen noch den sozialen Druck hatten, in die Kirche gehen zu müssen? Oder könnten die Menschen heute nach Galater 5,1 («Zur Freiheit hat dich Christus befreit!») ihre Freiheit leben und nutzen? Die Grundfragen der Menschen hätten sich heute verändert. Früher hätte man sich gefragt: «Wie komme ich in den Himmel?» und heute: «Wie kann mein Leben gelingen?» Darauf hatte Weber-Berg eine eindeutige Antwort «Allein durch die Liebe.»

In der anschliessenden Podiumsdiskussion, die vom Theologen Martin Peier, Geschäftsführer des Stadtverbandes der Reformierten Kirche Zürich geleitet wurde, wurde die Frage nach der Bewegung erneut aufgegriffen. Kirche sei eine Weggemeinschaft. Die ganze Bibel sei voll mit Geschichten vom Aufbruch und der Erneuerung. Dabei sei Befreiung ein zentrales Thema. Die Freiheit des Glaubens passe zu unserer landeskirchlichen Struktur. Wir seien keine Beteiligungskirche, sondern hätten es mit vielen Menschen zu tun, die gerne dazugehören und dafür ja auch Steuern zahlen, aber sich eben nicht beteiligen würden. Das sei zu würdigen. Im Dialog mit dem Publikum wurde noch über die Volksnähe der Kirche diskutiert. Wieder kam der Ruf nach dem normalen Reden auf, aber auch nach Pflege von Gemeinschaft und das Respektieren von Menschen, die lieber ihrer Individualität folgen wollen. Andrea Trümpy beendete den Abend mit einem grossen Dankeschön für die anregenden Referate und die Diskussion.