Achtung, Steinschlag! Wie die Natur schützt – und profitiert

Steinschläge gehören zum Alltag im steilen Bergkanton Glarus. Meist bleiben sie unbemerkt, da Schutzwälder und technische Anlagen die Siedlungen sichern. Für viele Tier- und Pflanzenarten schaffen Steinschläge wertvolle Lebensräume.



Versuche zeigten, dass es zum Stoppen von Steinen mit einem halben Meter Durchmesser mindestens 20-30 cm dicke Bäume benötigt. Auch liegende Bäume helfen als Schutzschild. Foto © Raphael Schwitter
Versuche zeigten, dass es zum Stoppen von Steinen mit einem halben Meter Durchmesser mindestens 20-30 cm dicke Bäume benötigt. Auch liegende Bäume helfen als Schutzschild. Foto © Raphael Schwitter

35 Steinschläge oder Felsstürze wurden 2025 im Glarnerland registriert, unzählige weitere blieben unentdeckt. Ulrich Aerne, Fachspezialist Naturgefahren bei der Abteilung Wald und Naturgefahren des Kantons, erklärt: «Solche Sturzereignisse treten oft spontan auf. Und zwar vor allem, wenn Gesteinsschichten natürlich verwittern, im Frühling das Schmelzwasser zu einem hohen Wasserdruck im Felsen führt oder die Bodenschichten auftauen und wieder gefrieren. Im Herbst kommt es zudem hochalpin zu vielen Steinschlägen, da im Sommer der Permafrost auftaut, was die Felsen zeitverzögert destabilisiert.». Als Folge des Klimawandels nehmen seit den 1990er-Jahren Felsstürze im Alpenraum zu. Ulrich Aerne bemerkt auch im Glarnerland Veränderungen: «Wir beobachten vermehrt Felsstürze und Steinschläge zu unüblichen Zeiten, was die Situation noch unberechenbarer macht.» Heute haben solche Sturzereignisse neben Überschwemmungen, Lawinen, Murgängen und Rutschungen einen Anteil von 13% an den Naturgefahren im Glarner Siedlungsraum.

Natur und Technik als Schutzschild

Pro Jahr verursachen Naturgefahren durchschnittlich und statistisch betrachtet im Kanton Schäden in Millionenhöhe. Auch der Schutz vor der drohenden Gefahr ist aufwändig. «In einem Kataster tragen wir momentan alle Schutzbauten auf Glarner Boden zusammen, um deren Unterhalt sorgfältig planen zu können. Die Liste enthält aktuell 409 Verbauungsgebiete mit insgesamt 3286 Schutzbautenobjekten», so Aerne. Gegen Steinschlag reichen die Schutzbauten alleine jedoch nicht. Es braucht zusätzlich grossflächig einen natürlichen Helfer: den Schutzwald. Regina Wollenmann, Fachspezialistin Wald der Abteilung Wald und Naturgefahren, sagt dazu: «Der Wald an den Hängen des Glarnerlands schützt uns vor Naturgefahren. Etwa die Hälfte des Waldes im Kanton Glarus gilt als Schutzwald. Am besten schützt eine hohe Struktur- und Artenvielfalt mit verschiedenen einheimischen Baumarten, einem Mosaik aus jungen und alten Bäumen sowie viel liegendem Totholz. Damit genug Jungbäumchen heranwachsen, braucht es zudem lichte Bereiche. Durch eine regelmässige, naturnahe Waldbewirtschaftung wird die Schutzfunktion des Waldes erhalten und verbessert.»

Steinschlag für die Vielfalt

Für die Natur sind Steinschläge wertvoll. Sie werden zwar auch für gewisse Tiere und Pflanzen zur tödlichen Falle, für andere jedoch schaffen sie beste Wohnbedingungen. Dank wiederkehrenden Steinschlägen werden beispielsweise Flächen im Waldreservat Büttenen ob Riedern offen gehalten und so zu idealen Lebensräumen für rund 40 Schmetterlingsarten. Auch im Zimmereggwald ob Niederurnen profitieren lichtbedürftige Orchideen wie der Frauenschuh oder das Rote Waldvögelein von den Öffnungen durch Steinschläge. Baumarten wie der Bergahorn besitzen die Fähigkeit, Hänge mit losem, bewegtem Steinschutt dauerhaft zu besiedeln und können sich so an Standorten wie dem felsigen Ufer des Klöntalersees gegen die Konkurrenz der Buche durchsetzen. Herabgestürzte Felsblöcke schaffen zudem Lebensraumnischen und führen zu einzigartigen Waldgesellschaften wie dem Blockschutt-Tannen-Fichtenwald im Auwald ob Linthal oder Grappliwald im Oberseetal. Je nach Sichtweise und Lebensform sind Steinschläge also Fluch oder Segen.

Einen Überblick über alle Naturgefahren im Kanton Glarus, wie damit umgegangen wird und wie der Klimawandel diese verändert, erhält man aktuell auf einer Themenwand im Naturzentrum Glarnerland. Eine Bilderschau blickt auf vergangene Gefahrenereignisse zurück. Für Interessierte liegen Flyer und Broschüren zum Mitnehmen oder zur Ansicht auf.