Das Anna-Göldi-Museum als Veranstaltungsort war bewusst gewählt. Alfonsina Stornis Leben (1892–1938), ihr Äussern und Schreiben, ihr intensives und mutiges Kunstschaffen das in Argentinien – ihrem Lebensmittelpunkt – auch Jahrzehnte nach ihrem Freitod breite Beachtung geniesst, hat schicksalsgebundene Bezüge zum Museum, birgt Tragik, Entbehrung, Aufopferung, Mut.
Im Museum hiessen dessen Hauptverantwortliche, Ursula Helg, und Catherine Etter, Arbeitsgemeinschaft für Literatur im Glarnerland, Besucherinnen und Besucher willkommen. Hildegard E. Keller, Zürich und der Basler Hans Waeber wurden kurz vorgestellt. Keller lehrte Literatur in verschiedenen Ländern und lebt als freie Kunstschaffende (Stadtführerin, Hörspielautorin, Verfasserin von Romanen, Filmregisseurin) in Zürich. Über 15 Jahre hinweg hat sie nach Alfonsina Storni gesucht und sich mit ihr intensiv und einfühlend beschäftigt und mit der Herausgabe von zwei Bänden mit den Titeln «Wach» und «Frei» einen bewegenden Zugang zu zumeist Unbekanntem geschaffen. Hans Waeber, Pianist und Akkordeonist, vertonte unter anderem Storni-Gedichte, untermalte Kellers Aussagen willkommen einfühlend, war sensibel mitgestaltender Begleiter.
Alfonsina Storni gelangte als Vierjährige aus dem engen Tessin nach Argentinien.
Von Wohlstand, Ruhigem und Beschaulichem war sie mit ihrer Familie ganz weit entfernt. Sie kämpfte sich mit absolut bewunderungswürdigem Einsatz durch, verfasste Presseartikel, schrieb bewegende Gedichte, war anerkannte Verfasserin von Theaterstücken und erarbeitete zahllose Aufführungen, sie bewies Mut, setzte sich mit hoher Energie und riesiger innerer Kraft für Grundrechte der Menschheit ein. Sie war in jungen Jahren derart selbstständig, wie es nur selten der Fall war. Als Frau wollte sie diese Selbstständigkeit leben, ungebunden agieren. Sie unterstützte jene, die es brauchten. Sie munterte zum Kampf, zur Freiheit der Frau und deren Gesellschaft unablässig, auf. Sie war bewusst unbequem.
Hildegard Keller las, kommentierte, zitierte, sang, zeigte sich als einfühlend Schildernde, war beeindruckend beseelt, wortreich, vermochte Alfonsina Stornis Leben und Ausgestalten willkommen kenntnisstark anzubieten. Sie nahm einen auf eine spannende Reise mit zahlreichen Stationen mit.
Alfonsina Storni tat es andern gleich. Sie entfloh den ärmlichen Verhältnissen im Tessin, träumte von Wohlstand, damals vor allem in den USA, Australien und Argentinien. Der Hafen von Genua war Ausgangspunkt einer langen Reise ins Ungewisse. In Argentinien sei dann vieles abgezirkelt, eingegrenzt gewesen. Die Enge der Ehe, Geschlechterbeziehungen, Entwurzelung unter den unablässig suchenden Auswanderern fanden im Rahmen dieser musikalischen Lesung Erwähnung.
Alfonsina Storni, in der heutigen Schweiz eine Unbekannte, verliess die Schule und nahm – als Zwölfjährige – das Leben in die eigenen Hände. Als 18-Jährige trat sie ins Berufsleben ein, besuchte ein neu eröffnetes Lehrerseminar und trat in der argentinischen Provinz eine Klassenlehrstelle an.
Hildegard E. Keller sprach zu einem Kongress der Freidenker in Santa Fe. Samt behandelter Thematik und wegweisenden Folgen für Storni. Sie ist schwanger, nennt ihr Kind eine «Frucht der Liebe», übersiedelt im Januar 1912 nach Buenos Aires.
Storni greift Themen auf, die viele nachhaltig beschäftigen, die einer Lösung bedürfen. Sie ist mit ihrem Äussern existenznah unbequem, aufrüttelnd, sich enorm mutig positionierend.
Davon erzählte Hildegard E. Keller spannend, abwechslungsreich. Stets waren Stornis Kraftquelle die Kunst und deren – scheinbare – Unabhängigkeit. Hans Waeber gestaltete musikalisch mit, einfühlend, akzentuierend.
Es war ein Ding der Unmöglichkeit, die Fülle von Stornis Leben auszubreiten. Dafür gibt es zwei Bücher mit sorgsam und umfassend Recherchiertem. Es gibt Gedichte, die Alfonsina Storni verfasst hat.
Vieles gab es zu bereden – beim Verweilen mit argentinischer Kulinarik, dem Rückbesinnen auf jene Momente, die Storni und Anna Göldi ansatzweise miteinander verbinden.
Mit dieser Veranstaltung erfolgte ein bemerkenswerter Anfang zu Fortsetzungen mit der Buchvernissage «Wer öfter fragt wird schneller gross» von Brigitte Gabler und dem singenden Lokführer Hanspeter Zweifel als Elvis, dies am 15. August; mit Linard Bardill am 10. September und dem ukrainischen Bestsellerautor Andrej Kurkow aus Kiew am 22.Oktober.














