Alzheimer-Fokuspreis für Bäckerei-Konditorei Gabriel

«Demenz mitten im Leben.» Die Bäckerei-Konditorei Gabriel hat gezeigt, wie ein Betroffener integriert bleiben konnte – mit viel Engagement auch seiner Frau. Pflegeexpertin Cristina De Biasio hat darüber referiert, was Erkrankte brauchen.




Die Bäckerei-Konditorei Gabriel aus Glarus erhält den Fokuspreis 2018 für ihr aussergewöhnliches Engagement, wie Cornelia Bruhin bei der Übergabe am Freitag in Schwanden erklärte. Bruhin ist Vorstandsmitglied von Alzheimer Glarnerland und hat den mit 2000 Franken dotierten Preis an Firmenchef Koni Gabriel übergeben. Er betonte die Leistung seines Teams, das einem «mitten im Leben» an Demenz erkrankten Angestellten bis vor Kurzem einen angepassten Arbeitsplatz geboten hat: «Ich nehme den Preis gerne und dankbar entgegen – als Vertreter für sehr viele, die zum Erfolg beigetragen haben. Besonders für den erkrankten Rolf Baumgartner selber und seine Frau Lukrezia, die wirklich Grosses leistet.» Gabriel ermutigt vor allem auch die Glarner Unternehmer, ihre Möglichkeiten auzuschöpfen: «Fordern und fördern Sie die Mitarbeiter bei der Integration von Betroffenen, denn sie machen gern mit.»

Was junge Demenzbetroffene brauchen

Demenz wird meist mit Alter in Verbindung gebracht, doch auch Junge sind betroffen. Laut Cristina de Biasio, Pflege- und Demenzfachfrau aus St. Gallen, verliert nur ein kleiner Teil bereits im Alter ab etwa 50 kognitive Fähigkeiten. Aber für diese Wenigen ist es eine Katastrophe. Denn: «Man steht in diesem Alter mitten im Leben, Beruf, Alltag, Freundeskreis und Familie, Hobbys.» Und alles bricht weg. Tempo und Leistung sind nicht zu halten, sagt De Biasio, am Arbeitsplatz und in der Familie fällt das sehr rasch auf. Eine rasche Diagnose ist wichtig, doch schwierig und manchmal langwierig. Und wichtig, um die noch unheilbare Krankheit zu verlangsamen.

Enorme Herausforderung

Und die Krankheit prägt alles. De Biasio betont vier besondere Herausforderungen für Erkrankte und ihr Umfeld:

- Rollen und Beziehungen ändern – das Zusammenleben muss neu organisiert werden. Wenn die Fähigkeiten verloren gehen, entsteht nicht nur Trauer, es stellen sich komplizierte finanzielle und rechtliche Fragen.

- Kinder sind emotional besonders betroffen. Die seltsame Krankheit von Vater oder Mutter erzeugt massive Angst, Trauer und auch Scham. Sie kommen zu kurz, wollen helfen, gehen über ihre Grenzen hinaus. Eine Riesenaufgabe, besonders in ihrer Pubertät.

- Betroffene müssen sich in der Arbeitswelt völlig neu orientieren – oder scheiden aus.

- Unterstützungsangebote fehlen oft, doch Betroffene wollen in der Gesellschaft integriert und aktiv bleiben, brauchen ein Netzwerk. Und sie wollen gehört werden, zitiert De Biasio Betroffene: «Redet mit uns, nicht über uns.» Sie berichtet über St. Galler Angebote wie Workshops von Pro Infirmis, Kantonsspital und Alzheimer St. Gallen, Logopädie- und Ergotherapie-Angebote.

Es braucht ein Netzwerk

Cristina De Biasio stützte ihr Referat unter anderem auf die Erfahrungen von Jungerkrankten im Netzwerk «Mosaik – für Menschen mit Demenz» in St. Gallen, das sie als Pflege- und Demenz-Spezialistin mit betreut. Eine der Selbsthilfegruppen hat 2018 den St. Galler Fokuspreis gewonnen für ihre Initiative, die Öffentlichkeit über die Krankheit zu informieren.

Die Angebote von Pro Infirmis Glarus stellte die stellvertretende Geschäftsleiterin Stefanie Büchel vor, etwa: Psychosoziale Beratung, Beratung zu Assistenz, Sozialversicherungen, weiteren finanziellen Ressourcen oder begleitetem Wohnen.

Die Genossenschaft Kiss hat Fokus-Preisträger Koni Gabriel speziell erwähnt, weil freiwillige Helfende sich Kiss-Zeit gutschreiben lassen und später selbst von Nachbarschaftshilfe profitieren können.