«Andere Religionen und Kulturen fordern uns heraus»

Kirchen und Schulen stehen angesichts der stark veränderten Konfessionszusammensetzung vor neuen Herausforderungen. Die beiden Landeskirchen boten am Samstag Gelegenheit zu einer vertieften Betrachtung.



Die vier Referenten stellten sich unter der Leitung von Pfarrer Alfred Meier
Die vier Referenten stellten sich unter der Leitung von Pfarrer Alfred Meier

Die Ansichten darüber, wie die künftige Ausrichtung der religiösen Bildung aussehen soll, gehen auseinander. Fest steht nur, dass es Veränderungen geben wird. Um eine breitere Diskussion darüber zu führen, luden die beiden Landeskirchen zu einer Tagung unter dem Titel «Glarner Schulen und Kirchen im Spannungsfeld von Religion und Kultur» ein. Rund 80 Interessierte nahmen teil.

Konfessionelle Landesteilung als Belastung

Die Tagung stand im Zeichen von vier interessanten Referaten. Regierungsrat Jakob Kamm gab zunächst einen kurzen geschichtlichen Rückblick über die Konfessionen im Glarnerland. Erst 1836 beschloss die Landsgemeinde, die konfessionelle Landesteilung aufzuheben und eine zeitgemässe Verfassung einzuführen. Diese garantierte allen Einwohnern die Glaubens- und Gewissensfreiheit und gewährleistete die freie Ausübung von reformierten und katholischen Gottesdiensten.

Heute ist alles komplexer. Aktuell leben bei uns 19,5 % Ausländer, was grossen Einfluss auf die Religionszugehörigkeit hat. Gemäss der eidg. Volkszählung 2000 sind 42 % der Glarner Bevölkerung reformiert, 37,3 % katholisch. Dem Islam gehören 6,5 % an – womit unser Kanton gemäss Amira Hafner-Al Jabaji landesweit den zweithöchsten Anteil an Muslimen aufweist (hinter Basel-Stadt). 2,3 % sind christlich-orthodox, 1,1 % gehören evangelischen Gemeinschaften an, 0,9 % sind buddhistisch-hinduistisch. 6,5 % der Glarner Bevölkerung haben im Jahr 2000 keiner Religion mehr angehört – Tendenz steigend.

«Ganz normales Schulfach»

Alt Regierungsrat Dr. Peter Schmid aus Muttenz wandte sich gegen die religiöse Sprachlosigkeit, die Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft habe und diffuse Ängste vor dem Unbekannten schüre. Er plädierte für einen obligatorischen, primär christlichen Religionsunterricht im Sinne eines ganz normalen Schulfaches während der Volksschulzeit und für ein entsprechendes Freifachangebot an den Schulen der Sekundarstufe II.
Als Ergänzung sähe er zusätzlich – aber innerhalb des Fachs – eine Einführung in die wichtigsten Grundlagen der übrigen Weltreligionen. Vor «wichtigen religiösen Stationen wie zum Beispiel der Konfirmation oder der Erstkommunion» würde dieser schulische Religionsunterricht unterbrochen, «vorübergehend und freiwillig durch glaubenskundlichen Unterricht der Kirchen und Religionsgemeinschaften ergänzt».

Umfassende Bildung als zentrale Aufgabe

Die zunehmende Zahl an Muslimen sowie an konfessionslosen bzw. religionsfernen oder religionskritisch eingestellten Menschen beeinflusse den Diskurs über das Spannungsfeld «Schule, Religion und Kultur», sagte Amira Hafner-Al Jabaji, Publizistin und Islamwissenschafterin aus Grenchen. Es sei nur richtig, wenn diese neuen Stimmen sich in die Debatte einbrächten und sie mitprägten.
Schule, Kirchen und die islamische Religionsgemeinschaft betrachteten «das umfassende Wohl und die umfassende Bildung des Kindes als zentrale Aufgabe». Die Bildung der religiösen Identität des Kindes sei primär Aufgabe der Eltern. Die Festigung im kognitiven, spirituellen, ethischen und rituellen Bereich komme auch den religiösen Institutionen bzw. den Religionsgemeinschaften zu. Aufgabe der Schule solle die «wertneutrale Vermittlung von Wissen über die Religionen» sein.
Neu diskutiert werden muss laut Amira Hafner der Neutralitätsbegriff in Bezug auf die Schule. Kultur und Religion liessen sich nicht scharf voneinander abgrenzen. Es komme dann zu Konflikten, wenn Schule und muslimisches Elternhaus eine Sache unterschiedlich deuteten (zum Beispiel Bastelarbeiten vor Ostern, Inhalt von Weihnachtsliedern oder Chlausentsendung am 6. Dezember).

Nicht «Kirche in der Schule»

Laut Prof. Dr. Christian Cebulj, Religionspädagoge aus Chur, steht der von der diesjährigen Landsgemeinde abgelehnte Antrag der beiden Landeskirchen auf Formulierung eines neuen Bildungsziels für eine Entwicklung, «die sich in der gesamten Schweiz abzeichnet und eigentlich nicht mehr wirklich aufzuhalten ist».
Er warb unter dem Titel «Ergänzung statt Konkurrenz» für das «1+1-Modell» des Kantons Graubünden. Dieses sieht eine Stunde konfessionellen Religionsunterricht und eine neu einzuführende Stunde «Religionskunde und Ethik», die in staatlicher Verantwortung steht und durch kantonal ausgebildete Lehrpersonen erteilt wird, vor. Das Kompromissmodell versuche, auf gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren. «Kirche in der Schule» sei nicht zukunftsfähig.

Offen sein und Wagnisse eingehen

Nach einer Pause wurde das Gehörte in einer Diskussion mit den Referenten vertieft. Es ging unter anderem ums Missionieren, um die Unmöglichkeit einer Wertneutralität, um Schwierigkeiten bei der detaillierten Umsetzung des Faches «Ethik, Religionen und Gemeinschaften», um mangelnde Bibelkenntnisse der Kinder. «Wie viele Eltern halten religiöses Wissen für relevant?», wurde gefragt. Und: «Ist die Verwurzelung in der Konfession überhaupt noch ein Bedürfnis?» Es gelte, offen zu sein, Wagnisse einzugehen, um vermehrt zusammenzurücken, so das Fazit.