Anna und Willy – Aufführung mit Fragezeichen

In der Aula der Kantonsschule Glarus gastierten das Schauspielerpaar Alexandra Kraft und Stephan Schaberl mit der Umsetzung des Stücks «Anna und Willy». Es geht – in Kürze zusammengefasst – um die eigentlich faszinierende Idee, durch ein Zeitloch in eine ganz andere, als die gewohnte Lebens- und Kulturepoche in Ungewohntes, Neues zu gelangen, sich damit auseinanderzusetzen, sich zurechtzufinden, sich zu arrangieren, wenn es notwendig scheint.



Willy Hess (von Stephan Schaberl gespielt) verbringt seine freie Zeit liebend gern in einem barocken Sommerhäuschen, das im Stadtpark von Winterthur liegt. Er vermag sich bestens zu erholen, spielt den im Park lebenden Tauben Musikstücke vor. Für ihn, den grossen Freund klassischer Musik, gibt es nichts Befreienderes, als ungebundenes, erfüllendes Interpretieren. Da genügen die stets griffbereite Gitarre, ein Akkordeon und der unübersehbar grosse Kontrabass vor dem imaginären Sommerhäuschen, das adäquat renoviert worden sei und eine veritable doppelsitzige Parkbank aus hellem Holz. Dahinter dient ein Tuch als Fläche für Bildprojektionen. Der Unterbau samt Eckflächen ist zugleich Bühne fürs Puppenspiel, das zwingend zum szenischen Ablauf gehört. Als Folge eines Experiments fällt Anna Barbara Reinhart (verkörpert von Alexandra Kraft) durch ein Zeitloch aus dem 18. Jahrhundert direkt vor die Füsse des sichtlich desorientierten Willy Hess. Dennnoch – man kommt ins Gespräch, wundert sich gegenseitig über die seltsame Kleidung und die Verschiedenartigkeit der Sprache, tut dieses Erstaunen auch kund. Gewisse Gemeinsamkeiten werden gefliessentlich wahrgenommen und in den mit Mundart und Hochdeutsch durchmischten Redefluss einbezogen. Zwei Puppen, von Willy und Anna geführt, verkörpern Einstein und Gott. Letzterer ist von diesem schicksalshaften Zusammentreffen gar nicht angetan und verlangt von Einstein, Anna wieder in ihre ursprüngliche Zeit zurückzuschicken, das Zeitloch also nochmals zu öffnen. Dieser Versuch misslingt, so kommt es – wie auf einer zweiten, begleitenden Zeitebene – zu einem mit Streit, Fragen und Zweifeln durchsetzten Gespräch über das göttliche Schicksal und die dominierend Mathematik gebundenen Gesetzmässigkeiten.

Das Umsetzen einer derartigen Idee ist enorm fordernd, bedingt Bühnenreife, starke Direktheit, Bestimmtheit, Redegewandtheit, Reinschlüpfen in rasch wechselnde Sequenzen, eine wahre Palette auszuspielender Gefühle, musikalische Sicherheit, Fähigkeit aufeinander einzugehen, auch körperliche und gesangliche Intentionen des Partners aufzugreifen, gekonntes, bühnenwirksames, schnelles Ausspielen. Nicht alles gelang derart überzeugend, dass sich beim eher spärlich anwesenden Publikum Begeisterung, Anteilnahme, starkes Mitvollziehen einstellten. Es mag am Schauspielerischen, den nicht eben konzertreifen musikalischen Kenntnissen und spieltechnischen Fertigkeiten, den hin und wieder aufkommenden Versprechern, dem Singen im Duett, den zeitintensiven Wechseln zwischen dem Spiel mit den beiden Puppen und dem Geschehen bei der Sitzbank im Park gelegen haben, dass der Beifall eher dürftig ausfiel.

In Einführendem war nachzulesen, dass Anna Barbara Reinhart (12. Juli 1730 – 5. Januar 1796) in Winterthur lebte, eine gar begabte Mathematikerin war, in diesem Fach Bauern, Laienprediger und andere unterrichtete und mit anderen bekannten Mathematikern Briefwechsel hatte, beinahe während des ganzen Erwachsenenseins Hausarbeiten verrichtete und aus ihrem Leben nicht allzu viel überliefert ist. Willy Hess (12. Oktober 1906 – 9. Mai 1997) war Musiker, Musikwissenschafter und Komponist. Er studierte am Konservatorium Zürich Komposition, Musiktheorie und Klavier und wirkte unter anderem beim Tonhallenorchester und ab 1942 – 1971 als Fagottist beim Stadtorchester Winterthur. International zeichnete er sich durch seine fundierte Beethoven-Forschung und die Herausgabe von Ergänzungsbänden zur alten Beethoven-Ausgabe.

Die Puppen fertigte Ursula Bienz. Die Mundartfassung des Stücks, verfasst von Ingo Jonas – er zeichnet für Regie und Bühne verantwortlich – schrieben die beiden Darsteller, die ihr Kraft & Schabernack im Jahre 2012 gründeten. Sie inszenieren humorvolle Stücke und lassen Charaktere auftreten, die sich in Alltäglichem wie Absurdem bewegen. Kraft & Schabernack gastierte auf Einladung der Kulturgesellschaft Glarus in der Kanti-Aula.

Man verliess den Ort des Geschehens mit zwiespältigen Gefühlen, mit einigen Fragen, was die bühnenreife Umsetzung des eigentlich spannenden Geschehens betraf. Zeitweise war man auf seltsame Art unbeteiligt, befand sich in einer schwierig erklärbaren Distanz zum Geschehen auf der Bühne.