Arno Camenisch und die goldenen Jahre

Goldene Zeiten sind irgendwie mit der Zahl 50 verbunden. Arno Camenisch, 1978 im bündnerischen Tavanasa geboren, lebt heute in Biel. Er hat sich im unlängst erschienenen Buch mit dem Titel «Goldene Jahre» in einer ganz eigenwilligen Art und Weise mit Geschehnissen aus fünf Jahrzehnten befasst.



Von einem «Büchlein» zu schreiben, wäre absolut despektierlich. Zentrum ist sein Tavanasa mit dem seit exakt 150 Jahren bestehenden Dorfkiosk. Damit untrennbar verbunden sind die beiden Kioskfrauen Rosa-Maria, mit Brille samt Goldrand und Partnerin Margrit; die weithin, seit August 1969 rumstrahlende Leuchtreklame auf dem Kiosk; ein Radio mit kaputter Antenne; die Kioskauslage, wie man sie wohl schweizweit kennt; und das morgendliche Ritual bei der Öffnung des Kiosk. Das liest sich so: «Rollt die Roulade hoch. Rrrrrks, da sind wir!» Dazu kommt die Zapfsäule mit Benzin und Diesel. Insider sagen, es sei die erste, derart lang, zuverlässig und toll funktionierende Treibstoffsäule bei einem Kiosk. Die Summe dieser Fakten macht stolz, ist erfüllend.

Rosa-Maria und Margrit gewinnt man lieb. Was die beiden zu erzählen wissen, sprengt den Inhalt jeder Illustrierten oder Tageszeitung, ist ellenlang reichhaltiger als jedes Stammtischgespräch. Wie gut sie ihr Tavanasa und dessen Einwohner und eine Vielzahl von Besuchern kennen, weckt Staunen und Schmunzeln schon fast im Halbminutentakt. Die beiden Damen tratschen drauflos, was das Zeugs hält. Zugleich sind sie ungemein feinfühlige, nicht immer gleichermassen treffsicher und absolut wahrheitsgetreu Argumentierende. Sie bringen das Kioskleben aus Tavanasa und Weltgeschichtliches in einen Zusammenhang, den so wohl noch gar niemand vernommen hat. Sie geniessen, sind sehr, sehr gewissenhaft vor und im Kiosk im Einsatz, haben alles bereit, was die Kunden so wünschen und begehren. Sie wissen um die hohe Qualität ihres Angebots, das ja noch mit den Losen der Lotterie aufgepeppt ist.

Den Lesenden geht das Herz so auf, wie es Camenisch ganz liebevoll und achtsam zu Beginn des ungemein wirbligen Geschehens anmerkt. Sein Erzählstil ist bemerkenswert mit der Vermischung von Mundartausdrücken, Fremdländischem, treffenden Anmerkungen und Kommentaren. Das gedeiht echt gesamtheitlich, enorm wirblig, liebenswürdig deutlich, voller Kurzweil. Es fliesst in diese Jahre fast alles ein, was aus der Perspektive der Damen im Kiosk lokal und global von Bedeutung ist. Und das ist nicht wenig! Oft müssen Rosa-Maria und Margrit ihr Notizbüchlein als Hilfe hervornehmen, damit sie wieder Tatsache an Tatsache aneinanderreihen können.

Und es ergibt sich vieles. Immerhin fällt die Eröffnung des Kiosks zu Tavanasa mit der ersten Mondlandung zusammen. Das ergibt viel Gesprächsstoff. Bedauern äussern die beiden Damen mit dem dritten Astronauten, diesem «Collins, dem lieben Kerl», der «gerade auf der Rückseite Warteschleifen mit der Kapsel drehte, wie ein Taxi». So wird über diese «Drei Kerlis aus La Merica» viel geredet. Dass man den Valentinaus Tavanasa nicht begreift, der im wichtigsten Moment des Jahrtausends auf die Toilette schiffen ging, ist nachvollziehbar.

Der Korb mit den Zückerlis, Kaugummi, Sanagol und Sugus ist allmorgendlich bereit. Die Heftlis und Zeitungen sind in der Auslage ordentlich aneinandergereiht. Die Scheibe zwischen Auslage und Innenraum ist ordentlich geputzt. Nun kann gestartet werden. Gegen einen kleinen Aufpreis gibt es für die Kunden einen Kaffee, Vieltanker erhalten hin und wieder einen Teil des Treibstoffs gratis. Die Umfahrung hatte wie andernorts einen deutlichen Umsatzrückgang zur Folge.

Nun liesse sich seitenfüllend ein Ereignis ans andere reihen, so die Tour de Suisse in den Siebzigerjahren, die präparierten Velos mit den darauf sitzenden Damen mit Dauerwellen, die Modewelle mit den Mombuts, der konnte sich niemand widersetzen. Es finden irgendwo Rosa-Maria und Margrit mit gar rassigen Russenkappen im bündnerischen Winter Erwähnung – da habe man Bisonjägerinnen in Alaska geglichen.

Vorbeifliegende, kurz verharrende Vögel (natürlich beim Kiosk) sind Auslöser für weitere Fakten; zum Beispiel über den Herrn Panini und seine Tschuttibildchen, das Veto der Eltern, weil die Kinder masslos einkauften; Maradonas Frisur, die viele nachahmen liessen, beim Coiffeur. Und schon sind weitere gefiederte Gesellen im Anflug. Sie sind Auslöser für den Gedankenaustausch über den Erdrutsch, der für Chefangestellte in der Teppichetage zuweilen herrsche; für den tragischen Henrik, der mit seinem wahrhaft schnellen Töffli «in der grossen Kurve auf dem Pass über die Leitplanke in die Ewigkeit abflog» oder den Mann der Dolores, der in Norditalien in Casinos mächtig loslegte.

Anderswo ist zu erfahren, dass ausnahmslos alle Piloten Kaugummis der Marke Wrigley kauen. Der berühmteste aller Flugzeuglenker stürzte nicht etwa ab, sondern wurde auf einem Rollfeld von einem Gepäckwagen überfahren.

Camenisch schreibt leidenschaftlich, voller Gemütlichkeiten, kenntnisreich, ist ein hervorragender Betrachter und Zuhörer, vermag spürbar mit zu geniessen Er schildert enorm einfühlend, zuweilen mit einer verständlichen Prise Ironie, ist nie verletzend oder primitiv. Das Mitvollziehen ist vergnüglich, wechselvoll, durchaus spannend.

Man ist gerne dabei, verweilt bereitwillig und fragt sich zuweilen, was dem Arno Camenisch noch über den Weg laufen wird und Anlass für weitere Bekanntschaften sein könnte.