Ave Maria, Happy Birthday oder Rossini – alles für zwei Celli

Das « Bsinti » Braunwald ist mit seinen Kulturangeboten eine wahre Schatzkiste. Empfang und Erfüllen vieler Wünsche sind von Herzlichkeit und engagierter Professionalität geprägt. Dass unlängst Entrücktes, zugleich leicht Verrücktes angekündigt war, hatte in erster Linie mit den beiden Cellisten Alain Schudel und Daniel Schaerer zu tun.




Die beiden gehören alles andere als zu den braven, begabten Cellisten, die ihren Part im Orchester spielen, sich an vorgegebene Noten halten und peinlich darauf achten, allen Intentionen des jeweiligen Dirigenten gerecht zu werden.

Sie – im Duo Calva seit mehr als zwei Jahrzehnten vereint – haben andere Wege gewählt, um ihre Spielkunst – und ganz viel anderes – ans Publikum heranzutragen, Begeisterung und Anteilnahme zu wecken. Die Vielzahl an Einfällen kommt einem ganz rassig sprudelnden Bergbach gleich. Zuweilen ist das für kurze Momente hochgradig klassisch geordnet, dann wieder leicht schräg, chaotisch, keck, ganz sicher nie bieder und so hübsch harmonisch, im Takt, angepasst. Da wecken die beiden mit ihrer Spielkunst, den träfen Kommentaren, der Munterkeit, den zuweilen rasanten Wechseln der Stilrichtung und dem Vermischen verschiedenster Kompositionen grosses Vergnügen – und Staunen, dass so etwas überhaupt möglich ist.

Es begann mit dem Auftritt; Schudel im weissen Frack, Daniel Schaerer in adrett klassischem Schwarz – sehr auf Etikette bedacht. Und dann vernahm man die verblüffende Kurzfassung der Zauberflöte, ein rasanter Zusammenschnitt – sogar mit Ansage, Pause, Finale. Alles war auf etwas mehr als sechzig Sekunden begrenzt. Es wurde dann gezupft, gestrichen, gesungen, der Taler in einem kleinen Becken geschwungen, ein Schweizerfähnchen – passend zur ausgespielten Folklore – gehisst. Kleine schauspielerische Einlagen, Schmerz, Verzückung, Angst, Staunen, kindliche Freude – alles hatte seinen Platz. Und so en passant war zu erfahren, dass fürs ausgereifte musikalische Schaffen auch ausländische Fachleute beigezogen worden seien; Beispiele gab es viele.

Wilhelm Tell von Rossini, Schiller dienten als Einführung. Oder dass Schudel im zarten Alter von zwölf Jahren den fordernden Paganini auf einer Saite in rasantem Tempo runtergespielt habe, war Aussage, aber nicht Fakt. Die zwölf Jahre und damit jener einsame Höhepunkt waren vorbei; fertig und aus.

Und tiefsinnig wurde die Tatsache erläutert, dass Celli der menschlichen Stimme am nächsten stehe. Wieder war es Alain Schudel, der das mit beinahe chirurgischer Gründlichkeit erläuterte, anfügend, dass das Cello auch das Instrument der Liebe sei.

Es ging quer durch alle musikalischen Reichtümer dieser Welt weiter. Alain Schudel und Daniel Schaerer hatten da viel ans Tageslicht geholt. Man fragte sich zuweilen, was da noch kommen werde.

So wurde eine Komposition versteigert, es müsse auch Geld reinkommen. Weil der Bieter wenig zu zahlen gewillt war, erhielt er nur einen Papierfetzen, die Cellisten spielten auf dem Notenständer Verbliebenes aus. Und dann waren alle Ave Marias an der Reihe – gleichzeitig, quasi komprimiert ! Schon knieten sie. Auch in dieser Stellung ist munteres Spielen samt übertriebener Gestik problemlos möglich.

«Aazupft» wurde nach der Pause. Der «Elfentanz» wurde im Tempo eines Formel-1-Rennens runtergespielt. Der Cellist klagte verständlicherweise wegen übersäuerter Finger, der begleitende Radioreporter konnte sich hämische Kommentare nicht verkneifen. Nun war Yoga gefragt, mit Auf- und Abstrich, entspannendem Atmen; derart entspannend, dass Schudel einschlief. Halleluja, Freude schöner Götterfunken samt Happy Birthday galten dem anwesenden Sechzigjährigen, der seine Gäste zur Party samt Konzert eingeladen hatte. Applaus war ihm gewiss. Eine verrückte Sache war das Umkleidemanöver. Wer hat schon miterlebt, dass während des Cellospiels der Wechsel in den schwarzen Frack samt Binden der Schuhe und dem Montieren des Schlips` möglich ist? Das gelang dank Hilfe des Engels, der zuweilen arg schubsen musste.

Und vier Hände, zwei Spieler und ein Cello – kein Problem für die spürbar experimentierfreudigen, mit einigem athletischem Geschick ausgestatteten Spieler – es empfehlen sich für die nächsten olympischen Spiele neue Sportarten. Krative Lehrkräfte und Trainer wären vorhanden.

Ganz viel Applaus war ebenso angebracht wie die obligate Zugabe. Weil das Bähnchen schon abfahrbereit stand, wurde der Minutenwalzer dank Zeitmessung in exakt sechzig Sekunden runtergespult. Und schon war alles vorbei – vielleicht mit Ausnahme der munteren Rückbesinnungen jener, die talwärts fuhren.