Barbara Hutzenlaub bietet – mit Bezug auf die Ausschreibung zu diesem bunten Abend in Schwanden – massgeschneiderte Therapien für Laktosenintolerante, Intervall-Singles, Zalando-Opfer, Bedauernswerte mit zu kleinem Fussabdruck, Medophoniker, esswütige S-Bahnbenützer, Liebesbedürftige auf dem Bau, ausufernde Intoleranz und anderes an. Es assistiert Coco Chantal, witzig mitfühlend und gestenreich agierend, der wortreich und um keinen Reim verlegenen Barbara Hutzenlaub.
Mit Beginn des ungemein lauten Auseinandersetzens merkt sie schon mal an, dass sie ihr Studium in Windeseile absolviert habe, dass sie sich allen Problemen dieser Erde annehmen werde. Und dann geht es los mit: «Ich finde für jede Lösung das passende Problem», dies in ihrer «Praxis – Galaxis». Sie unterteilt den voll besetzten Saal in jene, die als Privatpatienten ganz vorne Platz genommen hätten und jene, die einen gewissen Abstand benötigen.
Sie muntert zur Kontaktnahme auf, nach dem morgendlichen Yoga sei sie absolut fit, aufnahmefähig, behandlungsbereit. Alle ausgespielten Fälle sind vorbereitet, Impulse aus dem Publikum sind da nicht gefragt, das passt nicht ins Hutzenlaub-Konzept. Man muss sich an die Fülle der technischen Apparaturen, von Simon Loetscher gesteuert, die überbordende Lautstärke ab riesigen Boxen, die verbale Fülle von Ratschlägen aller Art erst mal eingewöhnen.
Bei Hörschäden ist keine Behandlung beziehungsweise Blitztherapie, vorgesehen – ein Thema, das auf der Strecke bleibt (eine gewonnene Erfahrung des Verfassers).
Die technischen Gerätschaften – einiges sei, warum auch immer – in New York gekauft worden. In den schweizerischen Gefilden funktioniert das nur bedingt einwandfrei. Barbara Hutzenlaub muss dem Fax einen tollen Tritt verpassen, bis sich dessen Innereien eines Besseren besinnen. Coco Chantal bedient diese Maschinerie absolut sachkundig, riesig schwungvoll.
Man wird dann über zwei Stunden hinweg von der einen zur anderen Problematik geführt, gerät in sehr ungewohnte, ungeahnte Behandlungsfelder. Man staunt beispielsweise, wie es in der S-Bahn zu- und hergeht, wie sich daraus die Ess-Bahn mit unappetitlich speisenden /Fr-)Esslustigen entwickelt.
En passant vernimmt man, dass Barbara Hutzenlaub, Ärztin der ganz besonderen Art, sich einige Kenntnisse und Behandlungskriterien zwischen Zürich und Schaffhausen in der S-Bahn angeeignet habe.
Es erstaunt nicht, dass eine Sinfonie in Es-Dur Teil der Behandlung der Essfreudigen in eben jener S-Bahn wird. Da wird stets zusammengereimt, was zum jeweiligen Fall in der imaginären Praxis gehört. Es werden Anfragen am Telefon entgegengenommen, es werden klare Ratschläge, zuweilen bis unter die Gürtellinie reichend, erteilt.
Das Publikum klatscht, amüsiert sich, ist auf Weiterführendes gewiss gespannt.
«Auf mein Vertrauen kannst du bauen» – ein logische Antwort auf eine der vielen Fragen. Warum in einer der vielen Behandlungen nicht mal ein Intoleranz-Tanz?
Es wird gesungen, gereimt, es werden Instrumente bespielt, dank ausgefeilter Technik riesig virtuos, es wird zum Inhalt eines Liebesbriefs nicht eben wortfaul Stellung genommen – die Antworten sind unüberhörbar deutlich, Man vernimmt – wieder reimgebunden – was mit Männern in Da und Dort durchlebt werden kann, es sind irdische Genüsse aller Art. Man wird an eine Weltmeisterschaft des Zehnkampf-Küssens mit Teilnehmenden aus aller Herren Länder mitgenommen, Barbara Hutzenlaub ist beseelte, rasende mitgeniessende Reporterin. Irgendwann befasst sie sich mit dem Meteofachmann Bucheli und dessen besonderer Problematik – es sei mit der Frage verbunden, ob er schon persönlich davon gewusst hat.
Immer wieder staunt man, mit welch haarscharfer Genauigkeit artikuliert oder in vollendeter Harmonie gestikuliert und gesungen wird – das ist ganz hohe Kunst. Und zwischen der Flut an sich reimenden Weisheiten aller Art erfährt man, dass mit dem Kürzel «LKW» auch «Liebes-Kummer-Workshop» gemeint ist. Da helfen je nach Umfang der zu behandelnden Problematik ein Striptease-Kurs, ein Therapeutischer Tanzkurs oder ein Speed-Dance. Und wer das nicht im Stehen bewältigt, vollzieht anteilnehmend mit, was die beiden Damen im Sitzen hinkriegen – das ist Paarkunst und riesige Abgestimmtheit.
Vieles ist enorm schwungvoll, gekonnt, mit Pointen, die ankommen; mit Kommentaren aller Art und Lebenslagen; mit Weisheiten, die viele Lacher haben; profilike ausgespielt worden. Der riesige Applaus war Belohnung und Dank für das wirblige, wechselvolle Geschehen ab Bühne.













