Bernd Lafrenz und Shakespeare gemeinsam in Glarus

William Shakespeare hätte sich wohl nie träumen lassen, dass sich wenige Jahrhunderte später der deutsche Schauspieler Bernd Lafrenz allen Ernstes mit der verrückten Herausforderung beschäftige, alle in einer seiner Komödien enthaltenen Rollen in Personalunion zu verkörpern und damit auf verschiedensten Bühnen des deutschsprachigen Raums, aber auch in Frankreich und England aufzutreten – ohne Zweifel ein Wagnis, ein leicht schräges Unterfangen!




So liefert Shakespeare seinem lieben, ihm gewiss unbekannten Freund Jahr für Jahr genügend literarischen Stoff, den es szenisch stets umzusetzen gilt. Und Bernd Lafrenz tut das seit nunmehr mehr als 30 Jahren mit spürbarer Lust, hoher professioneller Routine und einer geistigen Präsenz, die mal für mal fasziniert und Bewunderung weckt. Auf der wahrscheinlich kleinsten Bühne in der kleinsten Hauptstadt unseres Landest gastiert er seit 2009. Er ist ein gern gesehener, jeweils herzlich begrüsster Komödiant; dem man gerne zuhört, mitfiebert, mitlacht, ein ganz klein wenig sogar mitspielen darf, dort elend mitleidet, wo es im ausgespielten Moment angezeigt ist. Lafrenz weckt fast im Halbminutentakt eine ganze Palette von Gefühlen, tut dies spürbar lustvoll und leidenschaftlich.

Diesmal widmete er sich dem abendfüllenden Theaterstück «Der Widerspenstigen Zähmung». Es wird angenommen, dass diese Komödie bereits im Jahre 1592 abgeschlossen wurde und damit zu den frühesten Lustspielen von Shakespeare gehört. Aufgeführt wurde das amüsante Geschehen zwei Jahre nach seiner Fertigstellung. Das Geschehen spielt in der italienischen Stadt Padua. Hauptpersonen sind der sehr begüterte Kaufmann Baptista und seine beiden noch unverheirateten Töchter Bianca und Katharina. Dem leicht spleenigen, raffinierten Vater geht es darum, aus dem Kreise der Freier die geeignetsten zukünftigen Ehemänner rauzszufiltern. Das ist nun weit leichter geschrieben als in Tat und Wahrheit auch realisiert. Beide Töchter sind liebreizend, die eine etwas hübscher, begabter, sanftmütiger, anschmiegsamer, ausgeglichener. Baptista hat sich geschworen, Bianca erst dann freizugeben, wenn die rabaukige, widerspenstige und sehr eigenwillige Katharina unter der Haube ist. Diese Vorzeichen deuten auf eine alles andere als harmonische Verheiratung hin. Und dann geht es los! Die möglichen Ehemänner tauchen auf, klären mal ab, wie es um die Mitgift, das Wesen der heiratswilligen Töchter, Art und Weise des Kennenlernens und anderem so steht. So hat beispielsweise Lucentio – er will Bianca gewinnen – die Mitbewerber Hortensio und Gremio kalt zu stellen. Zudem muss er auch einen Ehemann für Katharina finden. Und das ist alles andere als einfach. Irrungen, Wirrungen, Verunglimpfendes, Anschuldigungen, viel Wenn und Aber, Trauer, heftigste Wortwechsel, Einschmeicheln, Charmieren – alles muss seinen Platz haben, will ausgespielt sein. Es taucht Petruchio auf, der sich als einer erweist, der es mit Katharinas Eruptionen problemlos aufnehmen kann. Er deklariert klar, dass er Katharina zu ehelichen gedenke, ob ihr das nun passe – oder eben nicht. Zur Hochzeit in der Basilika kommt er bewusst zu spät und erst noch ganz schlecht gekleidet. Petruchio gelingt es, Katharinas Launen zu parieren. Es gelingt ihm, fast alles zum Guten zu wenden. Und in der gleichen Zeitspanne gelingt es Lucentio, die Gunst Biancas zu gewinnen und dem superraffinierten Vater das Einverständnis für die Hochzeit abzuringen. Das ganze, elend wirblige und kurvenreiche Geschehen ist in ein Rahmengeschehen eingebettet, es taucht zu Beginn ein Trunkenbold mit einer ganz eigenen Geschichte bei der noch geschlossenen Bar auf. Die Bardame öffnet, vernimmt beinahe Wundersames, das aber auch mit dem Schluss nicht so recht enden will, der trinkfreudige, flirtende Trunkenbold scheidet mit Gesang aus der Szenerie.

Um alles auszuspielen, braucht es Vielseitigkeit, hohe geistige Präsenz, enorme komödiantische Fähigkeiten, geeignete Requisiten, die den Charakter der jeweiligen Rolle zum Inhalt haben, den Vollzug rasanter Szenenwechsel, ein gut funktionierendes Mundwerk, rasche Kontaktaufnahme mit dem Publikum samt massvollem Einbezug – und es kann losgehen. Lafrenz, 1955 in Kiel geboren, hat das zu einer Perfektion gebracht, die ihm keiner so schnell nachmachen kann. Er ist ein offensichtlich begnadeter Perfektionist, ein virtuoser Spassmacher, einer der die theatergerechte Gefühlswelt beherrscht, vieles publikumswirksam auszuspielen weiss. Er begann seine Solokarriere im Jahre 1982.

Shakespeare hat er sich fast voll und ganz verschrieben. Und zuwarten müssen die Fans aus Glarus knappe zwölf Monate, dann wird er mit «Die lustigen Weiber von Windsor» wieder viel Freude zu wecken wissen.