Bei uns nahmen an den Landratswahlen 2010 nur 32,1 Prozent der Stimmberechtigten teil, obschon die seit je höchste Zahl von Kandidierenden in den drei Wahlkreisen attraktive Proporzwahlen gewährleistete; in den Achtzigerjahren hatte noch mehr als die Hälfte diese Bürgerpflicht erfüllt.
Verantwortlich sind alle
Weshalb führen wir diese drei Ereignisse auf? In den ersten beiden Fällen wurde umgehend nach der Verantwortung für den unermesslichen Schaden an der Natur, das unermessliche Leid der Angehörigen gefragt - und dann versuchten Erdölfirma und Plattformproduzent, Organisator und Behörden und weitere allenfalls Verantwortliche in peinlichem Hickhack die Schuld von sich zu weisen: Sie verweigern die Verantwortung. - Bei uns tun dies mehr als zwei Drittel der Stimmberechtigten für die Zusammensetzung des die Geschicke unseres Kantons prägenden Landrates, sie überlassen die Wahlverantwortung andern und kümmern sich nicht darum, wer «die da oben» sein werden. Menschsein heisst aber Verantwortung tragen und übernehmen, nicht nur für sich selbst im alltäglichen Leben, in Familie und Beruf, sondern auch für die Gemeinschaft, den im Moment Nächsten, die Umwelt. In unserer Demokratie gibt das Volk seine Macht zwar weiter, doch ihrer Verantwortung können sich die Stimmberechtigten nicht entziehen. Sie haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, durch Meinungsäusserung mitzuentscheiden und das Beschlossene auch zu akzeptieren, wie beispielsweise die Gemeindestrukturreform. Ihr standen viele kritisch gegenüber. Sie fühlten sich als Opfer, mussten Macht und Einfluss aufgeben oder Unsicherheiten aushalten, sich neu bewerben. Nun müssen sie sich auf neue Teams, neue Arbeitsformen und -orte einlassen. Sie ertragen aber den Entscheid nicht nur, sondern sind bereit, die neue Struktur zu festigen, wofür sie Dank verdienen. Dies zeugt von gemeinsam getragener Verantwortung und tief verankerter politischer Kultur, wie sie sich auch an der Landsgemeinde im November 2007 und an der diesjährigen, trotz nasskaltem Wetter und überaus langer Dauer eindrücklich äusserte.
Verantwortung ist Arbeit
Verantwortung tragen kann eine schwere Bürde sein. Sie ist eine Arbeit, vor der keine Versicherung schützt. Ängstliches Verschleiern von Fehlern und selbstsicheres Vertuschen von habgierigem, selbstsüchtigem Handeln führt zu hemmendem Misstrauen, das selbst spätere Genugtuungsleistungen nicht beseitigen. Dies haben Unternehmen, Banken, Staaten - auch die Schweiz - immer wieder erfahren müssen: Sie wurden zum Büssen gezwungen. Sich aus der Verantwortung zu stehlen bringt nichts. Wir müssen für uns und andere einstehen. Wir sind für das Gute, welches wir nicht tun, und für das Böse, welches wir zulassen, verantwortlich. Alle sind verpflichtet ihre Talente einzusetzen und dies nicht aus Eigennutz. Jene, die mehr machen als das Notwendige, in Vereinsleitungen mittun, Freiwilligenarbeit und Nachbarschaftshilfe leisten, politische Ämter übernehmen, fördern das Gemeinwesen. Sie ergreifen statt zu klagen die Initiative. - Ihre Enttäuschung kann allerdings gross sein, wenn sie, die sich für andere einsetzen, nur Kritik einstecken und Verdächtigungen hinnehmen müssen, Fehler aufgebauscht werden, trotz der uns allen bekannten Aufforderung, «wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein». Manche haben zurückzutreten oder tun dies selbst, um nicht an ungebührlich ausgeübtem Druck zu zerbrechen. Anderseits müssen gerade Einflussreiche bereit sein, Verantwortung zu teilen und abzugeben sowie fähig sein, mit Kritik umzugehen. Vor allem berechtigt das Tragen hoher Verantwortung nicht zu Machtanspruch, Überheblichkeit und Eigennutz.
Weder Geld noch Ruhm sollen zum Übernehmen von Verantwortung Anstoss sein, sondern der Wille, Fähigkeiten, Wissen und Können zusammen mit anderen zugunsten nicht nur von sich selbst einzusetzen. Wer mitdenkt und mitarbeitet, wird erkennen, dass Verantwortung nicht allein, sondern miteinander zu tragen ist, auch wenn sich etwas anders entwickelt als man selbst erhoffte. Zusammenarbeit vieler beflügelt und lässt am ehesten das beste Resultat finden. Sie öffnet Türen, lässt neue Wege zum grösseren Ganzen erkennen. Nicht stures Beharren, sondern durch Offenheit ermöglichtes Erkennen und Verknüpfen von Ideen führt zur besten Lösung. Niemand soll sich wegen einer anderen Meinung verstecken müssen. Verschiedene Wege können zum Ziel führen und hie und da ist auch der anstrengende Bau einer verbindenden Brücke nötig.
Die Verantwortung für die Gesellschaft vermag niemand allein zu tragen. Wer allein herrscht, keine Fragen zulässt, andere mundtot macht und keine Rechenschaft ablegt, nimmt Verantwortung nicht wahr. Anderseits ist nur der frei, der Fragen stellen und Antwort einfordern darf. «Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit; das ist der Grund, weshalb die meisten Menschen sich vor ihr fürchten», sagte der auch politisch aktive George Bernhard Shaw. - Fürchten wir uns nicht, sondern nehmen wir die Mitverantwortung für die Geschicke unserer Dorfschaften, unseres Kantons und Landes sowie unseren Institutionen gemeinsam wahr und verzichten wir auf die Freiheit, uns der Verantwortlichkeit zu entziehen, wie wir es anscheinend zu gerne tun.
Verantwortung ist Beziehung
Unser Leben ist ein grosser Dialog. Wir verdanken ihm das Leben. Aus ich und du ist alles Leben geworden; wir sind aufeinander angewiesen. Und wir brauchen Beziehungen. Vor einigen Jahren stand an einer Mauer «BezieHunger!» Weil dieser Hunger nicht mehr gespürt wird, läuft in unserer Gesellschaft manches aus dem Ruder. Er ist überlagert von all dem vielen, das wir vermeintlich brauchen. Wir verlieren uns in möglichen und unmöglichen Versprechen. - Zum Bettag gehört Umkehr. Erfüllung, Sinn und Glück sind nicht von aussen zu erhoffen, sondern am ehesten in uns selbst zu finden, wenn wir unsere Blickrichtung nach innen wenden. Trotz der Menge von Dingen, die wir sammeln, bleiben wir allein leer. Ein Du will unsere Antwort, was immer dieses Du im Augenblick für uns ist: ein Mensch, die Natur, eine Aufgabe. Daraus erhalten wir Kraft, fühlen wir uns einander verbunden.
Sind wir bereit zum Teilen? Die Frage verweist auf die Verantwortung füreinander: Du und ich - ich und Du, das ist ein Dialog, der nie aufhört, in den alle einbezogen sind. In der Gemeinschaft hat die Mehrheit die Sache aller im Blick zu haben. Sie darf nicht zugunsten ihres Machterhalts entscheiden. Mit übersteigertem Selbstwertgefühl geht leicht vergessen, dass es Machtlose gibt. Die Politik ist jedoch durch Verfassung und Recht zu ethischem Handeln verpflichtet. Sie darf Minderheiten nicht ohnmächtig zurücklassen, sondern hat sie einzubeziehen.
Versuchen wir dies «in Verantwortung vor Gott und den Menschen», wie es die Kantonsverfassung uns allen Behörden, Stimmberechtigten, Bevölkerung - vorgibt. Und dies in furchtloser Freiheit! Dafür beten wir.
Vreni-Schneider-Museum



