Bettagsmandat 2016

Über die Macht der Menschen und ihre Machtlosigkeit.




Die Welt hielt den Atem an, als Mitte Juli die Meldungen eintrafen: Putschversuch in der Türkei. Ein blutiger dazu. Über 290 Menschen wurden getötet, mehr als 2100 erlitten Verletzungen, als Teile des Militärs gegen Präsident Recep Tayyip Erdoğan und die Regierungspartei AKP aufbegehrten. Nach der Niederschlagung des Putsches wurden das Militär, Schulen und Universitäten sowie die Verwaltung rigoros von echten und vermeintlichen Drahtziehern gesäubert. Tausende wurden eingesperrt. Die Reaktion des Präsidenten war eine Demonstration seiner geballten Macht. Sie diente nicht nur der Wiederherstellung der Ordnung, sondern auch der Verteidigung eines Machtanspruchs, ja gar der Erweiterung des Machtbereichs.

Die Grenzen zwischen legitimer Machtausübung und Machtmissbrauch verschieben sich. Freiheitsrechte wie Meinungsäusserungsfreiheit oder die persönliche Freiheit des Individuums wurden eingeschränkt. Viele Menschen in der Türkei reagierten ohnmächtig auf die Vorgänge. Auf der anderen Seite akzentuierte sich aber gerade der Wunsch nach einer starken Führung in schwierigen Zeiten.

Geteilte Macht ist ein Erfolgsrezept


Angesichts der Vorkommnisse in der Türkei stellt man unweigerlich und auch mit einer gewissen Genugtuung fest, dass die Mächtigen bei uns nicht viel zu sagen haben. Durch die ausgebaute Gewaltenteilung ist einseitige Machtausübung schlicht undenkbar. Die Kräfte sind austariert, notwendige Grenzen sind gesetzt und werden respektiert. In der Schweiz und insbesondere auch im Glarnerland erkennt man die Machtlosigkeit der vermeintlich Mächtigen dann am besten, wenn das Volk bei Abstimmungen sein Veto einlegt. Die Macht liegt also beim Volk – es kann sich wehren und jene abstrafen, die ihre Macht missbrauchen. Das ist einer der Pfeiler des Erfolgs der Schweiz.

Ganz ohne Mächtige kann eine Gesellschaft jedoch auch nicht funktionieren. Es braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen und Entscheide fällen. Sie lenken und organisieren die Gesellschaft im Kleinen.

Macht ist vergänglich


Macht an sich ist nichts Schlechtes. Es kommt darauf an, wie man sie einsetzt und was man mit ihr bewirken will. Die Mächtigen sollten sich stets vor Augen halten, dass weltliche Macht vergänglich ist. Spätestens nach dem Tod ist von der einstigen Machtfülle nichts mehr übrig. Die nach biblischem Verständnis von Gott anvertraute Macht muss ihm zurückgegeben werden. Bei ihm liegt das letzte Urteil darüber, ob ein Mensch mit seinen Möglichkeiten versucht hat, Gutes zu bewirken.

Dass dies nicht immer der Fall ist, zeigt der Blick in die Geschichtsbücher, in die Zeitungen und auch in die Bibel. Schon das Alte Testament kennt die Neigung des Menschen, die ihm anvertraute Macht zu missbrauchen. Immer wieder wird dieser Missbrauch mit Gott legitimiert. Dieser aber akzeptiert das nicht. In seinem Namen treten Propheten auf, um Verantwortungsträger zur Ordnung zu rufen.

Die Macht, Neuanfänge zu setzen


Während die einen mit ihrer Macht Gutes bewirken und andere Schlechtes, zeigt ein prominentes Beispiel einen dritten Weg auf: Jesus verzichtete schlicht auf die Anwendung von Machtstrategien. Er weigerte sich, die römischen Besatzer aus dem Land zu werfen, obwohl die Juden schwer unter ihnen litten. Er verlangte von seinen Anhängern: «Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin.» Jesus wusste, dass Machtlosigkeit stärker sein kann, als mit Gewalt Macht auszuüben. Und ihm war bewusst, dass jede menschliche Macht ein Ende hat. So hat er sich konsequent Gott anvertraut. Man könnte sagen: Jesus tat alles, was in seiner Ohnmacht stand. Dadurch hat er Gottes Macht in der Welt zur Geltung gebracht.

So wird er als Sohn Gottes auch zum Trostspender für alle Menschen, die in ihrer Machtlosigkeit gezwungen sind, zu kapitulieren: Sei es vor der Macht anderer Menschen oder sei es vor der Macht des Schicksals. In Jesus ist Gott den Menschen nahe als Gott, der immer die Macht hat, Neuanfänge zu setzen. So erinnert der Bettag daran, dass wir uns einer Macht verdanken, die nicht in unseren Händen liegt.