Der Leseraum war voll besetzt, als Isabelle Herold als Gastgeberin im Dekanenhaus die Gäste herzlich begrüsste. Dann war es der Verfasser, der Teile präsentierte und eine Wortwahl pflegt, die einzigartig ist, die den langen Weg von Charlotte, deren wildes und leidenschaftliches Leben beinhaltet und mit unermesslich Vielem, Unbekanntem bekannt macht. Mezger meidet Ausschweifendes. Es ist auf Wesentliches fixiert, deutet in knapper, deutlicher Weise an.
Charlottes Kindheit ist ein Allerweltsort, ist kein Ort, wie man sich erhofft hat. Charlotte, Charlie genannt, bastelt sich mit Leidenschaft eine Gitarre zusammen, singt, bedient das Schlagzeug, findet sich mit irgendwie Gleichgesinnten zusammen.
Man liest vom überfüllten Auto, in das man sich reinquetscht, sich zuweilen zärtlich, innig gibt. Man vernimmt von der Mutter, die alles einrichtet, zusammenhält, miterlebt, was aus dem Garagenflohmarkt heimgeschleppt wird.
Mezger schreibt mit hohem Engagement, kenntnisreich, recherchenstark.
Eingeflochten sind Liebschaften mit Männern in den angeflogenen Städten samt Bleibe. Dazwischen sind es immer Kontakte mit der Mutter und deren Krankheit mit Namen «Morbus Jackson». Interessant ist dabei, wie Mezger erklärt, dass er diese Krankheit erfunden hat und über dieses Instrument das Geschehen im Buch steuern kann.
Mezger führt subtil und kenntnisreich in diese Welt, in deren Geschichte. Er verharrt im Beschreiben der Krankheit, der Weiterverbreitung, der Bekämpfung bei Ansteckungsgefahr.
Man erahnt die grosse Bandbreite dieses Geschehens, erspürt das Werden der Romaninhalte. Man reist in verschiedene Städte, Erdteile, bleibt bei Auftritten, Gesprächen mit Programmverantwortlichen, wilden Fakten, schrägen Typen, der Wiedergabe von Geschichtlichem zu dieser bedrohlichen, Angst bescherenden Krankheit., die Jahrhunderte, Leidenschaften, Fragen und Erkenntnisse zum Inhalt hat.
Es ist eine wilde, fordernde Welt, die Mezger zum Leben erweckt. Er lässt einen teilnehmen, fordert Geduld, Einfühlungsbereitschaft, Interesse, Anteilnahme. Man weilt in Berlin, London, Detroit und anderswo, nimmt am forschenden Erkennen teil, taucht in so viele sich zuweilen wiederholende Momente mitunendlich wechselnden Gefühlen, zuweilen im Zentrum stehenden Musik mit allem was zu diesen Auftritten gehört. Viel Raum nehmen die Krankheit ein, das Verwirrt-Sein der Mutter, ihr Wegleben.
Es sind ergreifende, eindringliche Momente. Es wird ein Spiel hervorgezogen, das Mutter nicht bloss damals, sondern auch heute beherrscht, bis hin zum Abschied, der so lautet: «Sie macht mit ihren Figuren Zug um Zug auf dem langen Weg zurück zur anderen Seite».
In Anschluss an die Lesung beantwortete der Autor viele Fragen. Er erklärte dem Publikum offen und spannend, wie er arbeitet, wie sich seine Arbeit zu einem vollständigen Werk zusammenfügt.
Im prächtigen Garten des Dekanenhauses offerierten die Gastgeber einen grosszügigen Apéro und es wurde noch lange weiterdiskutiert.







