Biotopbäume: Stille Lebensspender im Glarner Wald

Alte, knorrige oder beschädigte Bäume sind weit mehr als Relikte vergangener Zeiten. Als sogenannte Biotopbäume bilden sie wertvolle Lebensräume für Tausende von Arten. Auch im Glarnerland werden sie deswegen wieder gezielt gefördert.



Grosse, alte Bäume wie dieser Bergahorn im Chalchofen Näfels sind nicht nur ökologisch wertvoll, sie sind auch prägende Landschaftselemente in der Kulturlandschaft. Fotos © Kanton Glarus
Grosse, alte Bäume wie dieser Bergahorn im Chalchofen Näfels sind nicht nur ökologisch wertvoll, sie sind auch prägende Landschaftselemente in der Kulturlandschaft. Fotos © Kanton Glarus

Wer heute den Waldrand in der Saggmatt in Glarus besucht, sieht mehr als einen gepflegten Waldsaum. Mithilfe forstlicher Eingriffe wurde neulich entlang eines über 700 Meter langen Abschnitts auf der Fläche von eineinhalb Hektaren ein strukturreicher und ökologisch wertvoller Waldrand geschaffen. Daniel Hartenbach, Fachspezialist Wald der Abteilung Wald und Naturgefahren des Kantons Glarus, hat die Arbeit der Gemeindeforstleute begleitet. Er erläutert: «Buchten sorgen nun dort für abwechslungsreiche Licht- und Wärmeverhältnisse. Es wurde Raum geschaffen für standortgerechte Sträucher wie Weissdorn, Schwarzdorn, Holunder oder Pfaffenhütchen. Gebietsfremde invasive Pflanzen wurden ausgemerzt.» Einem wichtigen Lebensraum wurde dabei ein besonderes Augenmerk geschenkt: den Biotopbäumen. Hartenbach dazu: «Sie wurden bewusst erhalten und in die Waldrandgestaltung integriert. Ergänzt durch stehendes und liegendes Totholz, Asthaufen sowie weitere naturnahe Strukturen bieten sie bedeutende Rückzugsorte für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten.»

Hochhäuser der Biodiversität

Biotopbäume sind alte, besonders grosse oder beschädigte Bäume, die vielfältige Lebensräume bieten. Nicht nur mächtige Baumriesen zählen dazu. Auch Bäume mit Höhlen, Rissen, abgestorbenen Ästen, strukturreichen Stammverletzungen, starkem Flechten- oder Moosvorkommen, üppigem Efeubewuchs oder besonderen Wuchsformen können wertvolle Biotopbäume sein. Sie sind wahrliche «Hochhäuser der Biodiversität». Jede «Baum-Etage» bietet wertvolle Kleinstlebensräume, sei es unter der abstehenden Rinde, in Höhlen, im morschen Holz, zwischen Wurzeln oder hoch oben im Blätterdach. In den Baumkronen finden Vögel wie Habicht oder Rotmilan Nistplätze, während Eichhörnchen dort ihre Kobel bauen. Höhlen dienen Spechten, Fledermäusen, Siebenschläfern oder Käuzen als Schlaf- und Brutstätten. In Rindenspalten verstecken sich Fledermäuse, Insekten und Spinnen. Moose, Flechten und Pilze besiedeln die Borke und das tote Holz, während das Wurzelwerk zahlreichen weiteren Arten Schutz und Nahrung bietet.

Gezielte Förderung im Kanton Glarus

Durch die zunehmende Bewirtschaftung von Wald und Kulturland durch die Menschen wurden altgewachsene, strukturreiche Bäume in vielen Regionen, auch im Glarnerland, immer seltener. Um ihrem Wert für die Biodiversität Rechnung zu tragen, werden sie seit einigen Jahren im Kanton Glarus wieder vermehrt geschont. Daniel Hartenbach führt dazu aus: «Im bewirtschafteten Wald werden rund 2000 bis 3000 Biotopbäume pro Jahr gefördert, möglichst flächig verteilt. Gleichzeitig werden jedes Jahr rund 10 000 Kubikmeter Totholz geschaffen oder belassen. Die Biotopbäume werden dabei möglichst bis zu ihrem natürlichen Zerfall stehen gelassen, sofern sie kein Sicherheitsrisiko darstellen. Ergänzend dazu gibt es im Glarnerland 16 Altholzinseln und 39 Waldreservate, in welchen forstlich nicht oder nur zur Natur-Aufwertung eingegriffen wird.» Auch ausserhalb des Waldes gewinnen markante Einzelbäume wieder an Bedeutung. Die Gemeinde Glarus schützt beispielsweise aktuell 162 Einzelbäume und Baumgruppen über ihre Nutzungsplanung. In der kürzlich verabschiedeten kantonalen Biodiversitätsstrategie werden besonders auch die Bergahorne erwähnt, die vielerorts das Glarner Landschaftsbild prägen und als wertvolle Lebensspender funktionieren.

Bäume erkennen

Damit die Förster die Biotopbäume im Wald zielführend erkennen und langfristig erhalten können, werden sie in Weiterbildungen geschult. So stand eine Förster-Fachveranstaltung im Wildnispark Zürich Sihlwald im letzten Herbst ganz im Zeichen von Biotopbäumen, Mikrohabitaten und davon profitierenden Arten. Fachpersonen aus Forschung und Naturschutz vermittelten dabei Wissen über die Bedeutung strukturreicher Bäume und deren Rolle für die Waldbiodiversität.

Wer selber mehr über die alten Baumriesen erfahren möchte, findet im Naturzentrum Glarnerland neben Broschürenmaterial zum Mitnehmen aktuell eine Infowand mit Erlebnisstation. Sie gibt Einblick in die vielfältige Lebensgemeinschaft auf den verschiedenen Etagen eines Biotopbaums. Zudem erhält man dort Informationen über die Glarner Waldperlen, im Kanton erlebbare Waldreservate, in denen sich besonders viele Biotopbäume entdecken lassen.

Weitere Infos unter www.naturzentrumglarnerland.ch.