Blues aus Barcelona

Blues ist nicht einfach Musik, das ist eine Lebensform, die kompletter kaum sein könnte. Blues beinhaltet wohl einen gehörig vollen Korb an Gefühlen, die Leidenschaft, Sehnsucht, Stille, Klage, Rufen, Frohmut, Trauer, Jubel, Überschwang, Fragen und Antworten, Argumentieren, Einfachheit, Reichhaltigkeit, Stolz, Überzeugung, Staunen, Verharren, stürmisches Hineilen, überbordende Liebe, Verletzlichkeit heissen.Stolz, Ueberzeugung, Staunen, Verharren, stürmisches Hineilen, überbordende Liebe, Verletzlichkeit heissen.



Der Auftritt von Hernan Senra
Der Auftritt von Hernan Senra

Und diese Reichhaltigkeit klang im Wortreich in einer Echtheit auf, der man sich nicht entziehen konnte, die so packend und unverfälscht einherkam, in verblüffender Leichtigkeit, dank hervorragend Interpretierenden aus dem fernen Spanien. Man mag sich mit Fug und Recht fragen, weshalb sich ein durch viele europäische Länder tourendes Trio ausgerechnet nach Glarus und erst noch an die abseits gelegene Abläschstrasse begibt, wenige Momente später nach Barcelona wegreist, weil dort wieder zu unterrichten ist. Christa Pellicciotta verkündete stolz, dass es das erste schweizerische Gastspiel sei – was dann nicht ganz stimmte. Einer der Musiker gab preis, das man vor 14 Jahren mal in Basel aufgetreten sei. Aber diese Korrektur interessierte gar niemanden. Denn was an musikalischem, gesanglichem und mimischem Reichtum über mehr als zweieinhalb Stunden auf der kleinsten Bühne in der kleinsten Hauptstadt abging, war derart kompakt, mächtig und kunstvoll. Herman Senra, genannt Chino, ist ein Gitarrist der Weltklasse. Was er seinem Instrument entlockt, gehört zuweilen ins Reich der hochklassigen, einzigartigen Magie. Er wirbelt auf den Saiten rum, verharrt kurz, rast voller Wildheit und mit immenser Leidenschaft los, singt so keck, munter, kunstvoll, freut sich am Werden, bezieht seine Partrner mit kurzen Rufen ein. Rod Deville am Kontrabass ist ebenso ein Ausnahmetalent, ein Kraftbündel, er wirkt wie abwesend, sein Blick schweift da- und dorthin, mit unglaublicher Virtuosität und aussergewöhnlicher gestalterischer und spieltechnischer Reife bringt er sich ein. Sein präzises Spiel und das Mitgehen sind ebenso faszinierend wie der Auftritt des Schlagzeugers Giggs Nother. Er legt so was wie einen rhythmischen Teppich, voller Farbe und Wildheit.

Schon nach wenigen Klängen zogen Klang und Leidenschaft alle gleichermassen in ihren Bann. Die Lebendigkeit übertrug sich auf die vielen begeistert mitvollziehenden Zuhörer. Man konnte kaum ruhig hocken bleiben und war einfach fasziniert, lauschte dem beseelten, absolut virtuosen Ausgestalten, folgte dem blitzschnellen Zusammenfügen, dem Ausholen zum vollendeten Einklang. Dass diese Musikform eine grosse, leidenschaftliche Botschaft ausstrahlt, ist bald einmal spürbar. Und wenn derart hochsensible Profis ihre Leidenschaft und Spielkunst derart bewegend zelebrieren, wie es im Wortreich der Fall war, bleiben Dankbarkeit und lang nachhallende Klänge, verbunden mit eigentlich belanglosen Geschichten, die da und dort passieren, von Freundschaft und Liebe, Herzschmerz und gar Romantisch – Tragischem handeln und wohl überall nach dem ewig gleichen Schema ablaufen, mit dem riesigen Auf und Ab an Gefühlen, zuweilen fast tiefgründiger Dramatik. Und dem Leben in Form gleichartiger Musik einzuhauchen, ist dann Sache der Komponisten und Interpreten, entscheidet dann auch über den Platz auf der Hitliste oder dem Fall ins Vergessen, über Langlebigkeit oder den plötzlichen Tod. Dass die Band «Chino an the Big Band» an der European Blues Challenge in Toulouse mit dem zweiten Platz ausgezeichnet worden ist, erfuhr man aus der Vorankündigung und begriff diese mehr als verdiente Ehrung im Handumdrehen – denn so nachhaltig schön kann Blues nicht immer sein. Der Abschied fiel wohl allen schwer, er erfolgte erst nach vielen Zugaben und langem Schwatzen und der Erkenntnis, dass der Mundharmonikaspieler Bepe Semeraro aus Mailand ein gar lieber Gast auf der Bühne war und sein Blues-Empfinden mit absoluter Leidenschaft ausdrückte und sich zur Band gesellte, als wäre es das Leichteste auf dieser Welt.