«Böimige» Geschichten mit der blinden Yvonn Scherrer

«Böimig» ist das dritte Buch der Mundart-Autorin und Radiojournalistin Yvonn Scherrer. Sie ist seit frühester Kindheit blind. Die Bäume von ihr riechen nach Glück. Sehr beeindruckende Lesung im Bistro «Baumwollblüte» in Ennenda.



Von einem Schiessanlass oberhalb von Glarus herkommend, fahre ich mit meinem Auto nach Ennenda an eine Lesung mit der blinden Buchautorin, Radiojournalistin und Aromaberaterin Yvonn Scherrer. Gleich bei der Anfahrt werde ich draussen von Gabi Ferndriger, Verlegerin des Baeschlin Verlags in die heimelige Kaffeestube des Fabrikladens namens «Baumwollblüte» der Firma Daniel Jenny & Co eingewiesen. Was für ein krasser Szenenwechsel. Während einer meiner fünf Sinne, nämlich der des Hörens wegen der Knallerei von vorhin immer noch strapaziert sich fühlt, freue ich mich auf die Lesung mit Yvonn Scherrer. Im heimeligen Bistro habe ich die Gelegenheit, die Buchautorin selbst kennen zu lernen. Ich stelle mich als Mitglied der schreibenden Kunst vor und sie bittet mich gleich, nur während den ersten zehn Minuten ihrer Lesung zu fotografieren, weil sie wegen dem Auslöser der Kamera jeweils immer «erchlüpft». Selbstverständlich halte ich mich an diese Bitte. Gleichzeitig realisiere ich, wie sensibilisiert ein blinder Mensch auf solche, für sehende Menschen kaum wahrnehmbare Geräusche reagiert. Ich setze mich auf einen Stuhl und freue mich auf die Lesung aus ihren Büchern «Hänglisch», «Nasbüechli» und «Böimig».

Welche Wohltat, ihre liebliche, vom Radio her bekannte Stimme zu hören und ihr gegenüber zu sitzen. Ihre Geschichten und Erzählungen aus ihrem Leben in absoluter Dunkelheit faszinieren. Während ihr Blick ins Publikum gerichtet ist, streicht sie unablässig und traumwandlerisch mit ihrer rechten Hand über ihr Blindenschrift-Lesegerät. Mit ihrer linken Hand bedient sie irgendeine Einrichtung, welche sie von Zeile zu Zeile führt. Es ist mucksmäuschenstill im Raum. Worte aus ihrem Munde lassen tief in die Seele des Menschen Yvonn Scherrer blicken. Es sind Geschichten aus der Feder einer blinden, starken und selbstbewussten Frau, welche schon im zarten Alter von drei Jahren realisieren musste, dass sie nie sehen wird. Ihre Wahrnehmungen beschränken sich einzig auf das Riechen, Schmecken, Hörten und Fühlen. Ihr fünfter Sinn, das Sehen, fehlt komplett. Das führte dazu, dass die anderen vier Sinnesorgane im Laufe der Jahre sich extrem sensibilisierten und ihre Wahrnehmungen intensiver und ausgeprägter als die eines sehenden Menschen wurden. Yvonn Scherrer ist eine beeindruckende Frau, eine wunderbare Erzählerin, Geschichtenschreiberin und begnadete Poetin, die mit ihren Büchern ihre Leser fasziniert und ihnen einen Einblick in das Leben in Dunkelheit gibt, sie aber auch an ihren Gefühlen und Wahrnehmungen teilhaben lässt.

Liebeserklärung an die Bäume

Da kommt mir spontan das Lied meiner Lieblingssängerin Alexandra in den Sinn. «Mein Freund der Baum» erzählt die Geschichte eines Baumes, der im Morgenrot gefällt wurde. Ironie des Schicksals: Alexandra starb unter einem Baum nach einer Kollision mit einem Lastwagen. Was wären wir ohne die Bäume? Viele haben eine persönliche Beziehung zu ihrem Lieblingsbaum, wissen Geschichten von ihm zu erzählen. Auf geheimnisvolle Weise sind die stillen Bäume, die sich nicht bewegen können, mit uns mobilen Menschen verbunden. Der Baum ist uns in vielem Beispiel und Vorbild. So verwurzelt und aufrecht wie ein Baum wären noch manche gern. Yvonn Scherrers Buch ist eine Liebeserklärung an die Bäume. An die Persönlichkeit, den Charakter, das Besondere von Linde, Apfelbaum, Ginkgo und weiteren 37 Baumarten. Es ist kein Sachbuch, sondern ein Buch, in dem die Bäume ein Gesicht und eine Stimme erhalten. Die blinde Autorin fasst das beredte Schweigen der Bäume in Worte. Das tolle Buch ist erhältlich in der Buchhandlung Baeschlin in Glarus.