«Chlausnä» und «Bättlä» in Netstal

Schon Wochen zuvor malten und kreierten die Schüler eigens auf diese von den Kindern sehnlichst erwarteten Chlaus-Tage hin farbenfrohe Plakate, die wenige Wochen und Tage zuvor in Schaufenstern, Plakatwänden, ja sogar in Restaurants aufgehängt wurden. Die Chlaus-Tage wurden damals während fünf Tagen immer in der ersten Dezemberwoche durchgeführt.



«Chlausnä» und «Bättlä» in Netstal

Die Buben im Dorf waren in dieser Zeit eifrig darum bemüht, bei den einheimischen Bauern die grössten Kuhglocken zu ergattern. Die Begehrtesten waren natürlich die riesigen Vorschellen, die nur die grössten und stärksten Schüler tragen konnten. Weisse Hirt-Hemden tragend präsentierten sich diese jeweils an der Spitze des Umzugs. Gleich im Anschluss folgten die Buben mit den etwas kleineren Glocken. Singschellen und "Chlopfen“ waren dabei in der Überzahl. Dazu reihten sich Buben mit Kuhhörnern, welche mit ihren eigenartigen, durchdringenden Tönen dem Umzug etwas Mystisches gaben. Auch ich gehörte in diese Kategorie der Hornträger. Und ich gebe es zu, ich war sogar richtig stolz auf mein Kuhhorn, welches ich wenige Wochen zuvor vom Metzger Kamm gratis und franko erhalten hatte. Walter Brühlmann, zuständig für die feinen Würste beim Metzger Kamm, kochte mir dieses Horn freundlicherweise in einem der grossen Töpfe aus, in denen normalerweise die Würste gesotten wurden. Am Schluss durchsägte Brühlmann die Spitze des Horns mit einer Fräse, sodass so etwas wie ein Mundstück entstand, in das ich mit viel Puste reinblasen konnte.

 

Betteln gehörte zum Brauchtum

Die Kinder im Wiggisdorf besammelten sich in diesen fünf Tagen immer kurz vor 17.30 Uhr vor dem Primarschulhausplatz bei der Bäckerei von Alfred Häni. An der Spitze des Umzugs formierten sich jungen Burschen mit ihren Vorschellen, im Anschluss die Schmutzlis in ihren schwarzen Kapuzen und weissen Bärte, gleich dahinter die Buben und Mädchen mit grossen und kleinen Singschellen, Geissenglöckli, Kuhhörner und ganz am Schluss die Mädchen und Kindergärtner mit ihren bunten Lampions, vielfach begleitet von ihren Eltern. Damals sah man noch keine, von Primarschülern kunstvoll kreierten und gebastelten Laternen. Schon immer gehörte das "Chlausnen“ und «Bättlä» in unserem Dorf zu einem der Bräuche, die über Jahrzehnte hinweg bis heute gepflegt werden. Waren es früher die Sekundarlehrer Alfred Zuberbühler und Albert Sieber mit ihren Schülern, die für die Organisation des Chlausumzuges zuständig waren, ist es heute der Verkehrsverein Netstal, der für diesen bis über die Kantonsgrenzen hinaus bekannten und beliebten Vorweihnachtsevent verantwortlich zeichnet. Trotzdem hat sich in den vergangenen Jahren viel geändert. Vor allem das Betteln ist aus der Mode gekommen. Betteln war damals eine Domäne der Buben, vor allem, nachdem der offizielle Chlaus Umzug schon längst beendet war. Mädchen hatten auf dieser Betteltour absolut nichts zu suchen. Gebettelt wurde sowohl während als auch nach dem Umzug bei den "Herrenleuten“. So nannten wir damals die reichsten Netstaler, unter ihnen Fabrikantenfamilien, Geschäftsleute und Gewerbetreibende. Diese zeigten sich über diese fünf Tage immer auffallend grosszügig. Mit ihrer Goodwill-Aktion konnten sie damit der Bevölkerung kommunizieren, wer im Dorf das Sagen hat. Dass jeweils alles in geordneten Bahnen ablief, dafür sorgten die Sekundarschüler. Das Betteln nach dem Umzug war dann jedem Umzugsteilnehmer überlassen. Meistens geschah das in kleinen Gruppen. Unsere "Opfer“, in unserem Falle waren das jeweils die Bäckerei Läderach, die Bäckerei Villiger im Oberdorf, Trudi Schmitz von der Salzwaage, die wir Kinder liebevoll Tante "Schuggi“ nannten. Aber auch die Konditorei Staub wurde nicht verschont sowie das Kolonialwarengeschäft von Walter Beeler an der Ennetbachstrasse. Beliebte Ziele waren aber auch die örtlichen Metzgereien von Jakob Kamm-Vogel, von Sepp Zimmerli an der Bahnhofstrasse, von Fritz Kamm beim Bären und last but not least von Jakob Weber bei der Apotheke Landolt. Sogar die Beizen in Netstal wurden nicht geschont Das Vorgehen von uns kleinen Nervensägen war immer das gleiche: Die Bettler-Gruppen besammelten jeweils beim Eingang zu den Geschäften und Läden. Kaum dort angekommen, brach auf ein vereinbartes Zeichen des Gruppenführers hin buchstäblich die Hölle los. Da wurde losgebimmelt, in die Kuhhörner geblasen und gelärmt, was das Zeug hielt. Ununterbrochen und so lange, bis es endlich dem Ladenbesitzer zu bunt wurde und er sich dem unerbittlichen Gebimmel und Lärm hilflos beugte. Nachdem wir mit einem Bürli, einer Mini-Servela, Chrämlis, Mandarinen oder Spanischen Nüssli «belohnt» waren, ging‘s weiter zum nächsten Opfer. Nachdem dann alle Ladenbesitzer und Geschäfte im wahrsten Sinne des Wortes "abgeklopft“ waren und der Bettelsack pumpenvoll war, machten wir uns Buben auf den Heimweg und gar manchmal gab‘s eine deftige Schelte der Eltern, weil ich wegen dieser «Bättletä» zu spät nach Hause kam.