Cosmos – irdische und andere Erkenntnisse

Nach dem Begegnen mit Ferruccio Cainero, der auf Einladung der Kulturgesellschaft Glarus vor ausverkauften Rängen im «Schwert» Näfels gastierte, war man hingerissen, begeistert, dankbar, um einige Erfahrungen reicher. Und die hoben sich vom bisweilen eintönigen Alltagsgeschehen in riesig guter, absolut unkonventioneller und unerwarteter Weise ab.




Der wortreiche, einzigartig kreative Kabarettist (im Jahre 1953 in den irdischen Teil seines Weltgefüges Hineingeborene) ist als Autor und Schauspieler bekannt, entführte mit seinem eleganten Charme, seiner beinahe unnachahmlichen Italianita, der mitreissenden Fabulierkunst, dem Kombinieren von Tatschen, Träumen und leicht Wissenschaftlichem in Teilwelten, die sonst nur Engeln vorbehalten zu sein scheinen, aber dank Cainero plötzlich so nahe sind. Hin und wieder wecken sie kleine Begehrlichkeiten, die im Innern der Hinhörenden sacht zu spriessen beginnen, sich wohlig breit machen, gar zur Üppigkeit tendieren. Dies dank Caineros Kunst, dem wortreichen Sturm und Drang, der spürbaren Sorgfalt im Fügen von liebenswürdigen Details von sehr Zwischenmenschlichem, dem Nachzeichnen herzlicher Freundschaften, dem genüsslichen Verharren in sehr weltlichen Momenten wie Chaos im Hinterhof der Garage, Pendeln zwischen Autogarage und Osteria, Entwenden eines mächtigen, altertümlichen BMW-Motorrades, rasenden Ausflügen ins Dunkle, Liebesleben aus Distanz, Genuss und Arbeit, Getue der Handwerker und Politiker oder Beschreiben von Händen, die paradiestauglich sind.

So ist man rasch mitten drin, lässt sich riesig gerne auf eine Reise mitnehmen, die alles andere als gradlinig verläuft, den ebenen Boden oft verlässt, die Stationen im Kosmos hat, über Plätze auf der Erde verfügt, an denen zu verweilen ist. Cainero beobachtet scharfsinnig, pflückt aus Posen, Reden, Kulturen, Gesellschaft und Bücherwelt alles raus, was er für seinen Welt braucht, was er dem Publikum mit grossem Charme, mit Eleganz, rednerischem Tempo, grosser Gestik, auf der Gitarre begleitetem Gesang – der auch Erzählung ist – beneidenswert mühelos näherbringt.

Zu Beginn betonte er, dass seine Geschichten alle beinahe echt seien, dass er von fernen Welten, Gestirnen und einladendem Licht so intensiv träume, dass er nach dem Erwachen grad mit dem Fliegen beginne, zum Engel – oder ist es eher der Pilot – werde, dass er liebend gerne entschweben möchte. Aber es diktiert die Realität. Dennoch – in keiner Sekunde ist es verboten, den Träumen nachzuhängen und je nach Befindlichkeit das eine oder andere aus der fernen Welt zu sich heranzuholen. Cosmos und Erde sind eins, nicht untrennbar verschweisst, aber so partnerschaftlich verbandelt. So erfährt man, zu Beginn noch staunend und in die Materie wenig eingeführt, dass einst – vor riesig vielen Jahrmillionen – Bakterien die Erde kolonialisiert hätten. Aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen – dieser Teil der Vorlesung geriet gar rassig – kam es zu Ausführungen ab Bakterium zur Menschheit, zur hohen, zuweilen unumstösslichen Bedeutung der Wissenschaft, zum Urknall, zum Ursprung allen Lebens.

Und schon war man bei Caineros Freund Toni und der Autowerkstatt in Udine, dem erdgebundenen Zentrum, dem Ausgangspunkt aller Ausflüge, dem Mittelpunkt vieler Gespräche und Begegnungen. Man war im Urchaos des Hinterhofs, in der Vermengung vieler Einzelteile, die es so zu fügen gilt, dass etwas Funktionierendes entsteht, etwas wieder läuft, das der Kunde auch in seinem Alltag einsetzen kann. Toni ist ein in jeder Beziehung bemerkenswerter Garagenleiter, der sich auch gegenüber einem Bischof zu behaupten weiss, genussvoll – wie viele andere aus Udine auch – zwischen seinem Arbeitsplatz und der nahegelegenen Osteria pendelt, redet, liest, zusammensetzt, geniesst, Mitarbeitende mit Kultstatus (Folgen von Diebstahl, Unfall und körperlichen Leiden) anleitet, nach der Pensionierung aus lauter Langeweile einen Tauchclub gründet und erfolgreich betreibt, zum Leser und Vorleser wird. Toni lässt sich von Händen beeindrucken, von deren Aussehen zu Erkenntnissen verleiten. Hände singen, erzählen, kaschieren eigene Hilflosigkeit, sind Wichtigtuer, Ignoranten. Er wünscht sich Hände, die das Paradies zu erschaffen vermögen.

Cainero ist in der Tat ein begnadeter Künstler, der kleinste Begebenheiten zum reizvollen Ganzen fügt, so bewegend, stürmisch, überzeugend, mit der Fähigkeit zu träumen, Fantasien in die vermeintliche Wirklichkeit zu entführen. Da dienen ihm die Funktion der Augenklappe bei Piraten, ein riesiges Kampfgefährt aus der Sowjetunion, der Einkauf einer Hose im riesigen Supermarkt, Make-up und Kosmos und anderes als Ausgangspunkt fürs Erläutern, Besingen, Ausschmücken, für berechtigt kritische Fragen, für Hinweise zur Kosmologie einer Autowerkstatt.

Was Lichtfenster, Strahlen, Kinoprojektor, Dynamo am Fahrrad, körperliche Wärme der Mutter, Zuneigung, Flirt und Liebe, Poesie bedeuten, was sie auszulösen vermögen, war Sprachkunst der herrlichsten Art, war buntestes Bild mit gar vielen Details, war eben vielschichtigster Cosmos seines Schöpfers Ferruccio Cainero.