Die Autorin gab einleitend Informationen zur Entstehung des Buches und las einige Passagen aus dem spannenden Werk vor, die allerdings nur so viel verrieten, dass man das Buch unbedingt kaufen und lesen will.
Dana Grigorcea erläuterte dem zahlreich erschienenen Publikum, dass sie schon seit 20 Jahren an diesem Buch arbeite, und dass es, obwohl es im ländlichen Rumänien der 90er-Jahre spielt, das schweizerischste Buch sei, das sie geschrieben habe. Die Schweiz sei ein Land auf «Menschenmass», man könne einzelne Schicksale verfolgen, die Leute kennen sich. Das Buch nimmt sich die Zeit, den Erwerb der Sprache nach der langen kommunistischen Periode in Rumänien zu beschreiben.
Der junge Camil, der im Dorf Busteni in den rumänischen Bergen lebt, trifft sich mit der regelmässig wiederkehrenden Sommerfrischlerin Roxana aus der Grossstadt, die sich, indem sie sich die Liebesgeschichten der Nachbarn erzählt, selber näher kommt, ohne dass die gegenseitige Annäherung in Worten ausgesprochen wird. Wer die Sprache beherrscht, beherrscht das Leben. Der Roman zeigt das Leben in verschiedenen Liebesvarianten.
In einer wichtigen Passage geht es um einen Kirschbaum, der plötzlich im Haus der Madame Smara durch den Boden wächst, eine kleine Sensation. Ausgerechnet ein Kirschbaum, Kirschen wachsen immer zu zweit, wie ein Liebespaar verbunden.
Der Baum wächst immer weiter, in das Dach muss eine Lücke geschlagen werden, das Haus stürzt ein, muss wieder aufgebaut werden, der Baum zerbricht, wird aufgepfropft und wächst weiter. Dabei werden die Geschichten der Menschen und ihrer Beziehungen zueinander dargestellt. Im Schatten des Kirschbaums wird Tee getrunken und man erfährt Neues über die Nachbarn.
So entwickelt sich auch die Geschichte von Camil und Roxana weiter. Die beiden wollen Blutsbrüderschaft schliessen, dies scheitert vorläufig aber daran, dass Camil Angst hat vor dem Schnitt mit dem Taschenmesser.
Die Autorin erläutert, dass die Geschichte mit dem Kirschbaum sich tatsächlich ereignet hat und dass sie daraufhin als kleines Mädchen beschlossen habe, Schriftstellerin zu werden. Das Buch lebt auch davon, dass man oft mehr versteht, als darin geschrieben ist. Auch sieht Grigorcea wieder Parallelen zur Schweiz: Man wird dort, wo man sich kennt, in der Gesellschaft auf eine bestimmte Art wahrgenommen und es ist oft kaum möglich, eine solche Wahrnehmung von sich aus zu verändern.
Grigorcea schreibt über verschiedene soziale Prägungen, die sich nach der bleiernen kommunistischen Periode, wo alle angeblich gleich waren, zuerst wieder entwickeln mussten.
Im kleinen Dorf Busteni, wo viele von der Papierfabrik, die schliessen musste, lebten, macht sich ein sozialer Wandel breit. Die Einheimischen ziehen weg, an Orte, wo es Arbeit gibt. Dafür kommen die Städter, die sich auf dem Lande schöne Datschen bauen, wo sie ihre Ferien verbringen. Dadurch entstehen auch neue komplizierte soziale Gefüge, die es im alten Busteni noch nicht gab.
Die Kinder spüren diese sozialen Unterschiede noch nicht, die werden erst später, als sie älter sind, eine Rolle spielen.
Alles in allem, ein tolles Buch, das man lesen muss. Wie immer hat Dana Grigorcea witzig, mit feinem Gespür für die Menschen, in einem Roman eine Welt auferstehen lassen, die uns auch im heutigen Leben hilft, daran nicht zu verzagen.
Der Büchertisch am Schluss wurde fast gestürmt, ein paar Restexemplare des Buches gibt es aber noch zu erstehen.
„Dana Grigorcea, Tanzende Frau, blauer Hahn, Roman, Penguin Verlag, 2026“






















