Das Geheimnis des Fahrradhändlers – Buchbesprechung

Das Bereitstellen und Lenken eines Fahrrads ist zuweilen eine Wissenschaft für sich und wenn sich noch berufliche und private Ereignisse um diese Arbeiten ranken, wird es für die geneigte Leserschaft besonders spannend. Etwas sei vorweggenommen: Das von Jean-Jacques Sempé geschilderte Geheimnis wird reichlich spät verraten.



Erste Buchbesprechung von Peter Meier (zvg)
Erste Buchbesprechung von Peter Meier (zvg)

Da gab es im Städtchen Saint-Céron den Fahrradhändler Paul Tamburin. Niemand – so heisst es in der knappen Einleitung – habe sich mit «Gangschaltungen, Pedalhaken, Kugellagern, Zahnkränzen, Schläuchen, Ballonreifen, Halbballonreifen oder schlauchlosen Rennradreifen besser ausgekannt» als eben der liebenswürdige Tambourin. Er löste alle, aber auch gar alle fahrradtechnischen Probleme. Velobesitzerinnen und -besitzer machte er in diskreter Weise auf von ihm festgestellte kleinere oder grössere Schäden aufmerksam.
Sein Können wurde derart hoch eingestuft, dass nicht mehr vom «Fahrrad», sondern vom «Tamburin» gesprochen wurde. Ansehen und Ruf waren unermesslich gross. Dies erfüllte ihn mit begreiflichem Stolz.
Nun muss man wissen, dass im gleichen Städtchen Aloisius Pfaundler, der «König des hausgemachten Landschinkens» lebte. Es kam Friedrich Zwiesel dazu, dem «seine unbestrittene Kompetenz bei der Korrektur von Kurz-, Weit- und Schielsichtigkeit sowie Astigmatismus» zu Ruhm und Ehre verhalf. Zwiesel und Pfaundler kamen in Gesprächen oft vor. Pfaundler sprach seinem Landschinken tüchtig zu, Zwiesel trug sein Erzeugnis mit gut sichtbarem Stolz. Nur Tamburin konnte nicht mithalten, die Technik des Velofahrens beherrschte er ganz und gar nicht.
Sempé schildert dieses Manko mit hohem Einfühlungsvermögen, dem liebenswürdigen Aufzählen von Details. Schon in den Jugendjahren hatte «Paul Tamburin die grössten Schwierigkeiten, jene mysteriösen Kräfte miteinander in Einklang zu bringen, die da heissen: Schwerkraft, Zentrifugalkraft und Kraft bewegter Massen». Er lernte – um doch aufzufallen, mithalten zu können – sich selber Pflaster aufzulegen. Das führte er immer mit sich. Er liess sich auch irgendwelche technische Defekte einfallen, damit er sein Nichtkönnen bestens zu kaschieren verstand. Er lernte das «kontrollierte Schleudern», «Abfedern von Stürzen» und das «Überkopfrollen». Er begann, das Fahrrad intensiv zu studieren, wusste über Mechanisches wie kein anderer Bescheid und erhielt bald die ersten Aufträge, entwickelte sich zum allseits anerkannten Fachmann, galt wegen seines Aufspielens zuweilen als Narr, litt darunter und vertraute seiner Angebeteten, dass er das Fahrradfahren gar nicht beherrsche, was seine Josyane derart erzürnte, dass sie ihn verliess.
Es kommt ihm Rahmen des gemütlich-leidenschaftlichen Geschehens auch die Tour de France vor. Tamburin hatte sich ums Rennrad des ortsansässigen Sauveur Bilongue gekümmert. Der fuhr den Etappensieg heraus, weil er einem Massensturz exakt 200 Meter vor dem Ziel ausweichen konnte.
Der Ruhm war ins beinahe Unermessliche gewachsen. Bilongue vermählte sich mit Josyane, Tamburin übernahm das Fahrradgeschäft des alten Forton und konnte manches Zweirad zur vollsten Zufriedenheit des jeweiligen Kunden in Ordnung bringen.
Eines Morgens erschien Henri Feigenblatt, begnadeter Fotograf und ebenfalls Geschäftsbesitzer. Feigenblatt war leidenschaftlicher Porträtfotograf. Von Tamburin wollte er unbedingt eine sensationelle Aufnahme machen. Geplanter Bildinhalt wäre ein Tamburin in voller, waghalsiger Fahrt durch einen kurvenreichen Ort. Tamburin und Feigenblatt schätzten sich ungemein. Tamburin hatte sich zwischenzeitlich mit Madeleine vermählt, zwei wunderbare Kinder wuchsen auf. Glück und Harmonie waren positive, willkommene Lebensinhalte.

Wäre da nicht das von Feigenblatt fest eingeplante Porträt gewesen. Da konnte sich Feigenblatt nicht rausschwatzen. Irgendwann einmal fuhr er los, waghalsig, unkontrolliert, rasend schnell. Er verfehlte eine Kurve, übersprang sogar das angrenzende Tobel und landete für Monate im Spital, mehrfach hatte er sich die Knochen gebrochen. Das Foto war ein Renner. Tamburin wurde immer und immer wieder darauf angesprochen.
Er verriet das eigentlich streng geheime Geheimnis seinem Freund – der ebenfalls über einen Anlass zu berichten wusste.

Das ganze Geschehen ist reichhaltig, feinsinnig und humorvoll illustriert, mit reizenden Texten unterlegt.