Die grossen Felsblöcke in den Wiesen bei Bilten sind unübersehbar. Oberhalb Schwanden durchziehen Trockenmauern und Steinwälle die Landschaft. Im Richisau fallen mit Steinbrocken durchsetzte Weiden auf. Steine geben dem Glarnerland sein Gesicht. Auch am Fuss des Wiggis thront in einer Wiese ein markanter Fels. «Er erinnert uns daran, dass wir in den Bergen zuhause sind, wo immer wieder solche Steine herunterkommen können», sagt Walter Schnyder, auf dessen Land er liegt. Für den Netstaler Landwirt gehört der Fels zum Landschaftsbild. Schon als Bub ist er auf ihm herumgeklettert, nachher seine Kinder und schon bald die Grosskinder. Nicht zu allen Steinen pflegt die Landwirtschaft ein so entspanntes Verhältnis. Kopfzerbrechen machen Schnyder vor allem Steine, die nur wenige Zentimeter aus dem Boden ragen: «Früher mähte man mit der Sense um solche «Guggersteine» herum.» Heute werden grössere Flächen mit weniger Personal, dafür maschinell bewirtschaftet. Da die Steine die Maschinen beschädigen können, entfernt man sie nun oft mit dem Bagger. Luftbilder aus verschiedenen Zeiten zeigen: Geschieht das grossflächig, wird die Landschaft eintöniger.
Verlust von Landschaftselementen
Steine schaffen auf kleinem Raum spezielle Lebensbedingungen. Sie speichern Sonnenwärme und geben sie verzögert ab. Das beeinflusst die Pflanzen und wird von wärmeliebende Tiere wie Eidechsen geschätzt. Moose und Flechten besiedeln Felsoberflächen. In den Ritzen von Trockenmauern brüten Zaunkönige. Rund um Steine bieten Krautsäume Raupen, Schmetterlingen und anderen Kleintieren Rückzugsorte. Das gilt besonders in frisch gemähten Wiesen, wo Deckung und Nahrung auf einen Schlag fehlen. Früher profitierte die Natur davon, dass die Arbeiten von Hand erledigt wurden: Steine wurden nur über kurze Distanzen verschoben und vor Ort zu Lesesteinhaufen, Wällen oder Trockenmauern aufgeschichtet. Seit Kunststoffzäune die Funktion der Mauern übernehmen, werden Steine oft mit Maschinen abtransportiert. Damit gehen traditionelle Landschaftselemente und wertvolle Kleinlebensräume verloren. Weil hochwertige Landschaften für das Wohlbefinden der Bevölkerung aber wichtig und für die Natur wertvoll sind, fördern Bund und Kanton ihre Erhaltung mit Landschaftsqualitäts- und Biodiversitätsbeiträgen.
Clevere Kompromisse
«Wo ein Stein liegt, wächst kein Futter», bringt Schnyder die Sicht des Produzenten auf den Punkt. Trotzdem gehören Steine für den Landwirt zum Kulturland. Für ihn braucht es Platz für beides: für die rationelle Bewirtschaftung ebenso wie für die Natur. Gerade Kleinlebewesen seien auch für die Landwirtschaft wichtig. Als Beispiel nennt er die rund 100-jährige Trockenmauer auf seinem Land. Schnyder hat diesen Frühling ein zerfallenes Mauerstück instand gestellt und einen Unterschlupf für Wiesel darin eingebaut. Als Gegenleistung erhofft er sich von den Kleinraubtieren, dass sie sich den Mäusen auf seinem Land annehmen. Der Wunsch ist nicht unbegründet: ein einziges Hermelin frisst pro Jahr rund 400 Wühlmäuse. Auch für Neues ist die Familie offen. So lassen Walter und seine Frau Silvia Schnyder auf einer Wiese am Veloweg zwischen Näfels und Netstal auf einem zweieinhalb Meter breiten Streifen Wildstauden wachsen. Darin haben sie Ast- und Steinhaufen als Verstecke für Kleintiere angelegt. Lebensmittel werden auf dieser Fläche keine angebaut. Trotzdem ist Schnyder vom Nutzen überzeugt: «Wenn ich Wiesel und andere Tiere will, die für mich Schädlinge in Schach halten, dann muss ich ihnen Lebensraum geben.» Zu diesem Zweck sind für Schnyders auch in der heutigen Zeit Steinhaufen und andere Strukturen im Kulturland möglich. Entscheidend ist, sie so anzulegen, dass sie die maschinelle Bewirtschaftung nicht behindern. «Der Streifen mit den Ast- und Steinhaufen liegt auf der Parzellengrenze», beschreibt der Landwirt die Situation. «Dort stört er weder mich noch meinen Nachbarn.»
Mehr über Steine im Kulturland verrät bis Ende Jahr eine Themenwand im Naturzentrum Glarnerland im Bahnhofsgebäude Glarus. Sie gibt auch Tipps für Spaziergänge, die den Blick auf Steine in der Landschaft lenken. Weiter Infos unter www.naturzentrumglarnerland.ch.









