Unmittelbar vor der Entscheidung wurde es nochmals richtig spannend. Kurzfristig hatte die UNESCO an ihrer Sitzung in Quebec die Traktanden umgestellt und behandelte zuerst die Weltkulturerben. Dann um halb eins in der Nacht auf den Mittwoch kam der erlösende Telefonanruf: Die Tektonikarena Sardona ist neu ein Weltnaturerbe; somit auch die Glarner Hauptüberschiebung. Nach einer kurzen Diskussion von fünf Minuten, in denen lediglich kleine kosmetische Änderungen im Zentrum standen.
Etappe eines langen Weges
Die ersten Vorbereitungen zur Aufnahme begannen bereits vor rund acht Jahren. Damals stand noch die Glarner Hauptüberschiebung im Zentrum. Als eindrücklichste Gebirgsfaltung sollte sie auf die Liste der Weltnaturerben gelangen. Auch auf Anregung der UNESCO wurde schliesslich ein grösseres Gebiet ausgewählt: die Tektonikarena Sardona. Dennoch „der Weg zum Naturerbe war steinig“, beschreibt es der Projektleiter David Imper. Dass nun das Ziel nach dieser langen Zeit endlich erreicht wurde, freut ihn deshalb umso mehr.
Die drei Kantone umfassende Arena steht nun als Musterbeispiel für die Gebirgsentstehung auf der Liste der Weltnaturerben. Insgesamt 19 Gemeinden aus den Kantonen St. Gallen, Graubünden und Glarus teilen sich das neue Label und somit auch eine grosse Verantwortung. Denn der Titel ist nicht nur ein grosser Imagegewinn sondern auch eine Aufgabe für die Zukunft. Denn mit dem Titel verpflichten sich die beteiligten Gemeinden, Kantone und der Bund das Gebiet auch für die kommenden Generationen zu schützen und zu erhalten. Teile des Gebietes sind schon heute auf nationaler, kantonaler oder regionaler Ebene zum Beispiel als Objekte des Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung oder als Moorlandschaft geschützt, wie etwa die Lochsite bei Schwanden.
Weitere gemeinsame Zusammenarbeit
Die Auszeichnung ist somit, sowohl das Ziel einer anstrengenden Reise, als auch Ausgangspunkt für neue Projekte. In den nächsten Monaten wird die Interessensgemeinschaft überlegen, wie sich das spezielle Label „Weltnaturerbe“ optimal sowohl touristisch als auch wirtschaftlich genutzt werden kann. Die daraus resultierende Leistungsvereinbarung ist auch deshalb so wichtig, da sie auch für die finanzielle Unterstützung durch den Bund und den Kantonen entscheidend ist. „ Der Bund stellt keine Forderungen sondern prüft die Projekte und entscheidet dann über die finanzielle Beteiligung,“ erklärt es Franz-Sepp Stulz vom Bundesamt für Umwelt. Auch aus diesem Grund arbeitet die Interessensgemeinschaft eng mit dem Weltnaturerbe Jungfrau/Aletsch zusammen. Auch der Zeitrahmen wurde bewusst eng gehalten, „ damit wir den Elan von jetzt übernehmen können,“ , so Imper.
Die Glarner Hauptüberschiebung
Jetzt ist es offiziell: „Unsere Berge sind weltweit einmalig.“ Mit diesen Worten drückte Regierungsrat Andrea Bettiga seinen Stolz und Freude über den Titel Ausdruck. Ausserdem betonte er an der Medienkonferenz in Mels, dass das Phänomen „Gebirgsentstehung“ mit dem eindrücklichen Bild der Glarner Hauptüberschiebung weiter verbreitet werden und somit auch weitere Personen in die Gebiete anlocken soll. Denn unter den Geologen ist der Begriff schon seit dem 19. Jahrhundert ein fester Begriff. Hans Conrad Escher von der Linth bemerkte bereits 1809, dass hier älteres Gestein über jüngerem geschichtet ist. Auch anhand der Glarner Hauptüberschiebung konnte die Entstehung von Gebirgen anhand der Plattentektonik erklärt werden. Im Fall der Alpen stiessen dabei die Europäische und die Afrikanische Platte aufeinander, türmten sich auf und brachten so den älteren Verrucano über den Kalkstein. Diese Überschiebung fand natürlich nicht nur im Glarnerland oder in der Schweiz statt, jedoch ist sie nirgendwo anders so eindrücklich sichtbar wie an der Lochsite oder den Tschingelhoren.
Dies anerkannte auch die UNESCO. Denn die Hauptgründe zur Aufnahme waren, die gute Erkennbarkeit und Auffälligkeit der Überschiebungsfläche im Gebiet, die schöne Ausbildung der Strukturen und die ausserordentlich grosse forschungsgeschichtliche Bedeutung für das Verständnis der Entstehung von Gebirgen.
Darüber hinaus beinhaltet die Tektonikarena Sardona schützenswerte Zeugen der Erdgeschichte wie die Tschingelhoren mit dem Martinsloch, die Landschaft im hinteren Murgtal oder die Segnesböden. Darüberhinaus besticht das Gebiet mit unberührten Landschaften und einer reichhaltigen alpinen Pflanzen- und Tierwelt.
Nach dem Erhalt des Titels ist es nun umso wichtiger, dass die beteiligten Gemeinden weiterhin gemeinsam und mit derselben Energie weiterarbeiten, damit aus dem erworbenen Zeichen auch eine weltberühmte Marke entsteht.






