Das Volk der Jenischen und die Sinti – Ausstellung im Anna-Göldi-Museum

Nach einer Schätzung des Bundes leben ungefähr 35 000 Jenische und Sinti in unserem Land. Viele kamen aus dem Balkan dazu. Einige sind im Wohnwagen unterwegs, die grosse Mehrheit hat sich dauerhaft an einem festen Ort niedergelassen. Sie sind an verschiedenen Orten (Dienstleistungsbetriebe, Bau, Industrie, Pflege) tätig. Vorurteile gegenüber der jenischen Minderheit sind immer noch stark verbreitet. Mit der Ausstellung gewährt die «Randgenossenschaft der Landstrasse» wertvolle und willkommene Einblicke ins Leben jener, die jahrzehntelang verfolgt worden sind. Jenische leben in verschiedenen Ländern, international sind sie recht gut vernetzt. In der Schweiz sind die Jenischen und Sinti seit Dezember 2016 als nationale Minderheit anerkannt.




Anlässlich der gut besuchten Vernissage äusserten sich Daniel Huber, Präsident der Radgenossenschaft, und Willi Wottreng, Schriftsteller und Geschäftsführer der Radgenossenschaft. Cunus, mit bürgerlichem Namen Sepp Mühlhauser, begrüsste musikalisch, beseelt, grandios ausgestaltend und stimmungsstark. Willkommen geheissen wurden alle von Fridli Elmer. Namentlich Erwähnung fanden Fritz Riegendinger und Hans Laupper, Walter Hauser und Peter Bertschinger.

Dass gerade das Anna-Göldi-Museum Treffpunkt war, ist mit den nicht unähnlichen Schicksalen der einst hingerichteten Dienstmagd aus Sennwald und dem Leben der Jenischen und Sinti erklärbar. Fridli Elmer wies auf Einstiges und Geplantes im Museum hin.

Willi Wottreng erinnerte an Mariella Mehr, die an gleicher Stelle mit dem Menschenrechtspreis ausgezeichnet worden war. Er zog Parallelen zwischen Anna Göldis Schicksal und dem Leben der Jenischen und Sinti, die ebenso verfolgt und verachtet worden waren. Dass die Volksgruppe 2016 vom Bund als nationale Minderheit anerkannt worden war, ist europaweit bedeutsam, einzigartig. Er kam auf Geschichtliches zu reden. Jenische wohnen im gesamten Alpenraum. Einst waren sie von Gehöft zu Gehöft und in vielen Siedlungsteilen unterwegs, sie handelten, boten ihre Dienste an, wussten über Neuigkeiten Bescheid. Einige wollten diese Volksgruppe – so unverständlich das heute aufklingt – vernichten. Wottreng ist ein versierter Kenner, er befasste sich ansatzweise mit Kulturellem, Sprachlichem, mit dem Unterwegssein, der Sesshaftigkeit, der heute noch spürbaren Ablehnung. Viele sind bestens integriert, geschätzt und geachtet, andere werden an den Rand der Gesellschaft gestellt, ausgegrenzt. Romas kämpfen nach wie vor um ihre Anerkennung. Es wurde aufgezeigt, dass die Jenischen und Sinti nicht ghettoisiert werden, dass sie ihre Lebensform ausgestalten und bewahren wollen, dass sie mit der Radgenossenschaft auch eine Stimme haben, die zählt.

Daniel Huber, Präsident der Radgenossenschaft, liebt Vorträge ganz und gar nicht, er schätzt Fragen, die er kompetent und ehrlich beantwortet. Er zeigte beeindruckend auf, wie bedeutsam beispielsweise gut ausgerüstete Durchgangsplätze sind – davon gebe es schweizweit zu wenige. Er befasste sich beispielsweise mit den überbordenden Kontrollen, die beim Bezug eines Platzes anstünden. Fahrende würden – dies eine seiner Erkenntnisse – zu wenig ernst genommen, sie seien so etwas wie eine Manipuliermasse, die man einfach rumschiebe. Auf Campingplätzen wolle man sich nicht einfach niederlassen, das seien Orte für gestresste Sesshafte. Er äusserte sich dann – in Beantwortung einer von vielen Fragen – zur Einschulung von Kindern der Fahrenden. Ordentlicherweise gingen die dort zur Schule, wo die Schriften seien. Dass man sich an fixen Anlässen, wie beispielsweise der Feckerchilbi (im Juni 2020 auf dem Rossboden bei Chur) bereitwillig vorstelle, ist zu einer guten Tradition gewachsen. Es gab Antworten auf die Frage nach der Herkunft und jenischen Namen – alles in willkommener, aufschlussreicher Kürze.

Beim offerierten Apéro blieben genügend Zeit zum Verweilen und dem spürbar angeregten Gedankenaustausch.