Der Berg lockte

Weit über ein halbes Hundert Besucher/-innen lockte die szenische Aufführung von Ludwig Hohls «Bergfahrt» am vergangenen Donnerstagabend in die Buchhandlung «wortreich». Während einer intensiven Stunde führten Gian Rupf als Ull und René Schnoz als Johannes das Publikum in Gletscher und Fels.



Die beiden Bündner Schauspieler Gian Rupf (links) und René Schnoz geniessen den Applaus nach eindrücklicher und berührender Vorführung. (Bild: r.zweifel)
Die beiden Bündner Schauspieler Gian Rupf (links) und René Schnoz geniessen den Applaus nach eindrücklicher und berührender Vorführung. (Bild: r.zweifel)

Vor Beginn der Aufführung war vorerst einmal Stühle heranschleppen angesagt, um den Grossaufmarsch der Berggänger, Bergführer und Kletterspezialisten neben dem an Literatur interessierten Publikum zu bewältigen. Nur die beiden Requisiten-Stühle auf der Bühne blieben unbesetzt. Gemächlich voranschreitend und singend begann für die beiden Darsteller die Bergfahrt im Suchen nach dem Weg aus der Menschenmenge, hin in die befreiende Weite der Bergwelt, will heissen Bühne.

«Dem Gefängnis entrinnen»?

Ludwig Hohls Antwort auf die Frage: «Warum steigt ihr auf Berge?» – versieht die Schreibende mit einem Fragezeichen. Denn wie sich in der faszinierenden Inszenierung durch die beiden Schauspieler zeigte, kann das Gefangensein im Alltag unten im Tal auch am Berg eine Fortsetzung erfahren. Für Ludwig Hohl war das Suchen nach Befreiung aus seinem Gefühlsstau in der Pubertät Antrieb, um bei jeder Witterung, sogar bei Dunkelheit, ohne Rücksicht auf Begleiter, das Extrem am Berg zu wagen, nur das Ziel vor Augen, den Gipfel. Aus eigenem Erleben heraus schuf Hohl die «Bergfahrt» in seiner Urform im Alter von 22 Jahren (1926). In Ull schuf er sein altes Ego, das er auch noch Jahrzehnte später vor der ersten Drucklegung gelten liess.

Grossartige Schauspieler

Eine Stimmung des Angespanntseins, des Mitleidens breitete sich im Publikum aus, bei den einen oder anderen Anwesenden ein nochmaliges Erleben von ähnlich heiklen, bedrohlichen Momenten in der Wand, am Berg. Mit eigentlich gar keinen Requisiten, kraft ihrer grossartigen schauspielerischen Fähigkeiten, schufen Rupf und Schnoz ein Erleben in Echtheit. Dies zeigte, dass auch nach 80 Jahren die Gefahr immer Begleiter ist und es auch bleiben wird am Berg, trotz um eine vielfach besseren Ausrüstung. Denn die Gefahr, die lauert in jedem in sich selbst.