Der Fahrradhändler und sein Geheimnis

Für die lose Vereinigung der «Corona-Risikogruppen-Mitglieder», darunter auch interessierte Literaturfreunde, sei auf die zweite Lektüre in der Reihe von Büchern gerne hingewiesen. Vor Jahren verfasste Jean-Jacques Sempé das berührende Werklein «Das Geheimnis des Fahrradhändlers». Es erschien im Diogenes-Verlag. Patrick Süskind hat kenntnisreich übersetzt.



Es handelt von Paul Tamburin, einem vielseitig begabten, allseits geachteten Fahrradhändler – und seinem Geheimnis. Was, sei nicht gleich zu Beginn verraten. Tamburin wirkt im französischen Städtchen Saint-Céron, irgendwo in der Provinz und doch mitten drin. Vieles ist im Verlaufe der höchst vergnüglichen Momente zu erfahren. Es ist nicht immer nur das Gleichgewicht des Velofahrers. Es spielen Schwerkraft, Tempo, sorgsamer Umgang mit dem Zweirad, technisches Verständnis, Gesellschaftliches und damit viel Zwischenmenschliches, Respekt und Wertschätzung, Sehnsucht, Herzschmerz und anderes hinein – so unnachahmlich liebenswürdig und meisterhaft ineinander verwoben. Herrlich sind die Illustrationen.

Es sei mit der von Sempé geschriebenen Einleitung begonnen: «Wenn es einen Menschen gab, der sich wirklich auskannte mit Gangschaltungen, Pedalhaken, Kugellagern, Zahnkränzen, Schläuchen, Ballonreifen, Halbballonreifen oder schlauchlosen Rennradreifen, dann war es kein anderer als Paul Tamburin, der Fahrradhändler des Städtchens Saint-Céron. … Es gab auf der Welt kein fahrradtechnisches Problem, das Paul Tamburin nicht gelöst hätte. Sein Ruf war so gewaltig, dass man im ganzen Landkreis zu einem Fahrrad nicht mehr Fahrrad sagte, sondern einfach Tamburin». In jener Gegend gab es damals nur noch zwei Menschen mit vergleichbaren Bedeutungen. Einer war Alois Pfaundler, König des hausgemachten Landschinkens, der zweite war Friedrich Zwisel, kompetentester Meister bei der Korrektur von Weit- Kurz- und Schielsichtigkeit. Man sprach nicht über Schinken und Brillen, sondern nannte die Sache beim Namen, nämlich «Pfaundler» und «Zwiesel». Insider – und deren gab es viele – wussten sofort, was damit gemeint war.

Und die Leserschaft – und nur sie – erfährt bald einmal, dass Tamburin nicht fähig war, eines seiner Meisterwerke zu besteigen und in Gang zu bringen. Über viele Seiten hinweg wird aus dem Leben des jungen Tamburin geschrieben; wie er sich so durchschlängelte, mit allen Tricks.

Irgendwann kommt eine Etappe der Tour de France mit dem Sieg des Lokalmatadors Sauveur Bilongue vor. Er war nicht in einen fürchterlichen Massensturz verwickelt – und siegte. Sein Fahrrad hatte Tamburin hergerichtet. Ihm ging es gut, er hatte die Frau seines Lebens gefunden. Es war Madeleine, eine junge, enorm tüchtige Krankenschwester. Um Unliebsames zu vermeiden, ging Tamburin immer zu Fuss in seine Werkstatt – man weiss, weshalb dem so war.

Und dann tritt ein neuer, sympathischer Mann ins Leben des Fahrradhändlers. Es ist Henri Feigenblatt, hoch zufriedener Kunde und leidenschaftlicher Fotograf. Er hat ein Fotoband herausgegeben und möchte – da Tamburin unterdessen sein Freund geworden ist – auch mal ein Bild mit dem hochbegabten Fahrradhändler schiessen, stilvoll, passend, stimmig.

Tamburin muss sich trotz weltmeisterlichem Kneifen aufs Fahrrad setzen, in flottem Tempo runterkurven, an Feigenblatt vorbei. Es kommt, wie es kommen muss. Tamburin überquert sogar – im Fluge – eine kleine Schlucht. Die Folgen kann man sich vorstellen. Dass auch der Fotograf ein riesiges Geheimnis in sich rumträgt, sei der Vollständigkeit halber verraten.

Und nun sei mit der Lektüre begonnen, damit man auch diese letzte, noch im Dunkeln schlummernde Botschaft erfahren kann.