Der Kampf gegen das Weitergeben der Kälte

Gut 20 Personen fanden sich am vergangenen Freitagabend trotz grosser Hitze zur Führung durch die Wechselausstellung im Anna-Göldi-Museum ein. Unter dem Titel «Gesicht zeigen» verweist die Ausstellung auf die Spuren der Sozialdisziplinierung von der frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert. Ausgehend vom Schicksal Anna Göldis werden Stigmatisierung, Gewalt und Ausgrenzung sichtbar, die unter dem Deckmantel der Fürsorge stattgefunden haben. Besonders gross war das Interesse an den historischen Quellen zur Armenpflege im Kanton Glarus. Schon bald wurden unter den Anwesenden Erinnerungen an frühere Ereignisse geteilt.



(Bilder: ruedi kuchen)
(Bilder: ruedi kuchen)

Wo der Kanton Glarus heute bei der Aufarbeitung dieses Unrechts steht, und was sich daraus für Gegenwart und Zukunft lernen lässt, war Gegenstand des anschliessenden Podiums. Im deutlich kühleren Erdgeschoss des Hänggiturms diskutierten vor gefüllten Reihen Betroffene und Verantwortliche gemeinsam mit Fachpersonen. Unter dem Titel «Aus der Vergangenheit lernen – Podium zu Fürsorge, Zwang und Verantwortung» brachte Moderator Martin Beglinger unterschiedliche Perspektiven zusammen. Im Sinne von «Gesicht zeigen» lud er auch anwesende Betroffene und Angehörige ein, sich in die Diskussion einzubringen.

Wie überall in der Schweiz sind auch aus dem Kanton Glarus schwere Fälle von Misshandlung und Gewalt bekannt. Seit 2013 haben sich 91 Betroffene, vor allem aus fünf Glarner Heimen, bei Philipp Langlotz gemeldet. Die Aktenlage zu den Vorkommnissen ist komplex und zeigt – wie Historikerin Julia Rhyner erläuterte – vor allem die Sicht der Behörden. Kontrollen zur Bekämpfung von Missständen in Heimen waren zwar vorgeschrieben, wurden aber nicht immer durchgeführt.

Auch in der heutigen Sozialbegleitung bleibt das Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle eine Herausforderung, wie Hansueli Brunner von der KESB erläuterte. Zwar gilt heute der Grundsatz «so viel Schutz wie nötig und so wenig Eingriff wie möglich». Dennoch können Zeit- und Spardruck dazu führen, dass nicht alle Wünsche der Betroffenen berücksichtigt werden können. Kinder haben heute, wie Frau Landesstatthalter Marianne Lienhard betonte, ein Mitspracherecht, wenn es um die Frage einer Platzierung geht.

Besonders schwierig ist für viele Jugendliche der Übergang zur Volljährigkeit. Rose Burri, Sozialbegleiterin, Betroffene und Mitbegründerin des Vereins Careleaver Schweiz, schilderte, wie junge Menschen mit Erreichen der Volljährigkeit ihren Anspruch auf Betreuung – und damit unter Umständen auch ihr Bett – von einem Tag auf den anderen verlieren können. Ein Betroffener, der als Kind im Idaheim in Näfels schwer misshandelt wurde, forderte deshalb, die Behörden müssten sich ihrer Verantwortung und deren Ausmass noch bewusster sein.

Tiefen Einblick in die Problematik gaben immer wieder die persönlichen Beiträge von Rose Burri. Als Enkelin eines Verdingkindes kennt sie die Verletzungen und Traumata, die über Generationen weitergegeben werden, aus eigener Erfahrung. Bis heute kämpft die Sozialbegleiterin gegen das Weitergeben der Kälte, die sie selbst erfahren hat.

Damit wurde am Podium eine zentrale Frage sichtbar: Wie können wir verhindern, dass Erfahrungen von Gewalt, Ausgrenzung und fehlender Fürsorge weiterwirken – und wie können wir aus der Vergangenheit lernen? Erinnerung bleibt dann nicht bei der Aufarbeitung stehen. Sie wird zu einer Verantwortung für die Gegenwart und zu einem Auftrag für die Zukunft.

Doppelausstellung:

  • «Ich bin einfach niemand gewesen» (Volksgarten Glarus):

               7. bis 25. August     2026 | Mo.–Sa. 10.00–17.00 Uhr

  • «Gesicht zeigen» (Anna-Göldi-Museum):

 Bis 1. November 2026 | Mi.–So. 13.30–18.00 Uhr

Begleitveranstaltungen im Anna-Göldi-Museum bis Ende Jahr:

  • Öffentliche Führungen durch die Wechselausstellung
    Mi. 19. August, 18.00 Uhr
  • Erzählcafé
    für Betroffene, Angehörige und Interessierte
    Mi. 19. August, 19.00 Uhr
  • 3-teilige Geschichtswerkstatt
    für Betroffene, Angehörige und Interessierte
    Do. 27. August 16.00–19.00 Uhr
    Do. 03. September 16.00–19.00 Uhr
    Mo. 14. September 13.00–16.00 Uhr
  • Filmmatinées mit Gespräch
    «Hexenkinder» von Edwin Beeler.
     Anschliessend Gespräch mit MarieLies Birchler und Lisbeth Herger zur Erfahrung des biografischen Schreibens. So. 13. September, 11.00 Uhr

    «Adam» von Maryam Touzani
    Anschliessend Gespräch mit Ursula Biondi zum Phänomen der Ausgrenzung lediger Mütter in Vergangenheit und Gegenwart. So. 1. November, 11.00 Uhr
  • Lesung mit Gespräch
    Transgenerationale Traumata

    Kim de l´Horizon liest aus dem «Blutbuch» und diskutiert mit Prof. Dr. Andrea Abraham über «Familiengeheimnisse».
    Mi. 25. November, 19.00 Uhr
  • Private Führungen und Führungen für Schulklassen
    Termine nach Vereinbarung unter: [email protected] oder +41 55 650 13 54