Eine der bewegtesten Episoden der Schweizer Geschichte steht am Samstag, 16. Januar 2010, im Mittelpunkt eines Anlasses, der um 09.30 Uhr beim Bahnhof Glarus beginnt. Die Teilnehmenden begeben sich danach in die Stadtkirche zur Besichtigung des Stadtmodells, wo zum Beispiel der Amtssitz der Verwaltungskammer (Regierung des Kantons Linth) im kleinen Massstab entdeckt werden kann. Von hier aus geht’s zum Landesarchiv: Fritz Rigendinger, Leiter Hauptabteilung Kultur, zeigt dort aus der Zeit um 1800 verschiedene Dokumente (Briefe, Drucksachen, Karten usw.). Diesem Besuch folgt abschliessend ein kleiner Vortrag unter dem Titel „Politische Turbulenzen vor über 200 Jahren: Der Kanton Linth der Helvetik“. Referent ist Stefan Paradowski, Kunst- und Regionalhistoriker, Glarus.
Zentralverwaltung fiel Föderalismus zum Opfer
Der Kanton Linth war Teil der Helvetischen Republik (1798-1803). Er bestand von 1798 bis 1801 und umfasste die Gebiete Glarus, Rapperswil, March, Höfe, oberes Rheintal mit Sax, Gams und Werdenberg sowie das obere Toggenburg. Im Gefolge der Französischen Revolution waren aussen- und innenpolitische Kräfte bestrebt, die Schweiz in einen aufklärerisch-idealistischen Zentralstaat umzuformen. Nach etlichen Staatsstreichen, Kriegshandlungen, Verfassungsänderungen scheiterte der Versuch. Die helvetische Zentralverwaltung fiel dem Föderalismus zum Opfer. Der Helvetischen Republik haftete der Makel an, dass sie nur dank „Frankreichs Bajonetten“ entstanden war. Trotzdem stellte sie einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur modernen Schweiz dar, denn wie kaum ein anderes europäisches Land hat die Schweiz im 19. Jahrhundert Staatsideen und entsprechende Institutionen aus der Französischen Revolution und der Helvetik übernommen – etwa: Gewaltentrennung, Rechtsgleichheit, Freiheit der Person, der Presse, der Niederlassung, für Handel und Gewerbe, Religion und Eigentum.
Symbol der Freiheit oder der Fremdherrschaft
Der in Frankreich seit der Französischen Revolution gebräuchliche Freiheitsbaum fand während der Helvetischen Republik Verbreitung. Hierzulande soll es 7000 Pflanzungen gegeben haben. Mancherorts wurden sie auf Geheiss der französischen Militärbehörden errichtet. Sie galten als Symbol der neuen Ordnung. Der Regierungsstatthalter, der oberste Beamte des Kantons Linth, verordnete, dass auf die Woche des 26. August 1798 der Bürgereid zu schwören sei – „wenn es das Wetter erlaubt, unter dem freien Himmel und vorzugsweise bei dem Freiheitsbaum“. Die vielen durch Gegner der Helvetik umgehauenen Freiheitsbäume beweisen, dass man sie auch als Zeichen der Fremdherrschaft auffasste – so gelegentlich auch in der Linthregion.
Barbara Vögeli wird Landrätin


