Der literarische Auftakt mit Gunhild Kübler

In der erlesenen Vielfalt aller Angebote zum Beginn der Musikwoche Braunwald ging die Erzählung der renommierten Literaturwissenschaftlerin, Literaturkritikerin, Autorin und Journalistin Gunhild Kübler und deren Erzählung aus dem Leben der bedeutenden amerikanischen Dichterin Emily Elizabeth Dickinson (1830–1886) beinahe unter. Nur wenig Literaturinteressierte fanden sich zur Auseinandersetzung mit dem Leben einer bedeutenden, eigenwilligen Dichterin bereit.




Hansrudolf Frey begrüsste und führte in die Reichhaltigkeit von Gunhild Küblers Arbeit als anerkannte Übersetzerin und deren leidenschaftliches Auseinandersetzen mit dem literarischen Werk von Schriftstellerinnen aus dem englischen und amerikanischen Sprachraum ein. Gunhild Kübler war unter anderem Literaturkritikerin bei der «Neuen Zürcher Zeitung» und Redakteurin bei der «Weltwoche». Zwischen 1990 und 2006 wirkte sie beim Literaturclub des Schweizer Fernsehens. Für die Übertragung der Gedichte von Emily Dickinson wurde sie 2008 mit dem Paul-Scheerbart-Preis ausgezeichnet.

Emily Dickinson war eines von drei Kindern, das in Amherst, Massachusetts aufwuchs, in klassischer Literatur, Latein, Geschichte, Religion, Mathematik und Biologie Unterricht genoss und ab 1847 während eines Jahres eine konservativ-evangelikale Schule für Mädchen besuchte. Diese Ausbildung musste die hochintelligente Frau aus psychischen und physischen Gründen abbrechen. In immer stärkerer Weise zog sie sich zurück, empfing kaum Besucher und galt als menschenscheu. Persönliche Kontakte pflegte sie nur selten.

Ihre ersten Gedichte stammen aus dem Jahr 1850. Der Höhepunkt ihres literarischen Schaffens fällt in die Jahre 1860–1870. Gunhild Kübler stellte sie als verschlossen, dickköpfig und enorm eigenwillig vor. Ihr Leben verlief bemerkenswert eintönig. Sie verfasste gegen 1800 Gedichte, von denen nur ganz, ganz wenige zu ihrer Lebzeit veröffentlicht wurden. Andere wurden als Briefe an Freunde und Bekannte verbreitet. Es ist denkbar, dass sie sich nicht mit irgendwelchen Herausgebern und deren Erwartungen herumschlagen wollte und auch deshalb aufs Publizieren verzichtete.

Bei der Lesung von Gunhild Kübler wurde spürbar, wie intensiv die Beschäftigung mit den Gedichten der Emily Dickinson wohl ist. Die Gedichte erschienen erst lange nach ihrem Tod, nachdem Freunde den riesigen Fundus gesichtet und geordnet hatten. Im Jahre 1998 erschienen drei Bände. Für Kübler ist die Bedeutung der Dichterin erwiesenermassen gross. Sie versteht das Werk als eigentlich moderne Literatur, die in ihrer Gesamtheit in Japan, Italien, Frankreich und China erschienen ist. Emily Dickinson wurde als Frau dargestellt, die ihrer Zeit weit voraus war. Gunhild Kübler war sich sicher, dass sich Emily Dickinson als Frontfigur der diesjährigen Musikwoche bestens eignet. Die Fülle des Schaffens ist nicht abschliessend umschreibbar. Lautstarkes, Besinnliches, leiser Spott, Mut, Sarkasmus, Ironisches,, leise und feine Momente, Lautmalerisches, geheimnisvoll Verwobenes fanden Erwähnung. Für Dickinson war der Himmel nie im Jenseits, sondern im eigenen Leben erkennbar. Wind und Wasser machen Musik, erzeugen Bilder, von denen wir uns mitziehen lassen, zum Beispiel durch den wortlosen Gesang des Windes. Für Emily Dickinso ist jener kleine Stein glücklich, der allein durch die Strassen streift.

Sie schied aus jener Freiheit und Einsamkeit, die sie zu geniessen und zu lieben wusste. Kleines verwandelte sie in wunderbar Weites, Grosses. Ihre bevorzugten Themen waren Liebe, Tod, Todeserwartung, Natur, Unsterblichkeit und Verzicht. Es braucht Zeit und innere Bereitschaft, sich in dieses Schaffen zu vertiefen. Interessierten hat Gunhild Kübler die Welt der Emily Dickinson nähergebracht und aufgezeigt, wie eng Worte und Musik zuweilen verbunden sind.