Der Mann von Salischina, ein bündnerisches Zauberbuch – alles im «Richisau»

Was gibt es wohl Spannenderes, als Sagen aus dem Bündnerland, von René Schnoz kunstreich erzählt und mitreissender Musik, von Kathrin von Cube (Bratsche) und Clot Buchli (Klarinette) gar kunstreich ausgestaltet, inmitten von Bergen zu lauschen? Zu diesem ganz besonderen Vergnügen war von der Buchhandlung Baeschlin ins «Richisau» eingeladen. Viele kamen und niemand hatte es zu bereuen.




Es war fast eine Herzensangelegenheit von Hansruedi Frey – stets bereitet er den jeweiligen Literatursommer mit Gaby Ferndriger vor – alle willkommen zu heissen. Man dürfe seit nunmehr fünf Jahren Gastrecht geniessen und werde diese liebgewordene Tradition gerne weiterführen. An der Frankfurter Buchmesse werde man gewiss spannend ausgestaltende Autorinnen und Autoren finden und sie ins «Richisau» einladen. Fürs Zustandekommen der Anlässe – es sind über den jeweiligen Sommer hinweg jeweils vier Begegnungen – hatte er vielen zu danken.

Und schon klang Musik auf, lüpfig, wirblig, besinnlich, luftig und gar munter, dann wieder riesig sehnsuchtsvoll, traurig, leicht dramatisch oder grollend – je nach Stimmung, Sage und Komponist. Kathrin von Cube und Clot Buchli spielten beseelt, virtuos, einfühlend. Man hörte ihnen gerne zu, wenn sie dem Inhalt der jeweiligen Sage angepasste Stücke von Bartok, Flurin Caviezel, Domenic Janett, Satie und anderen interpretierten, variantenreich und riesig gekonnt. René Schnoz, Erzähler, Schauspieler, Sprachkünstler, konnte bei Beginn – aus durchaus verständlichen Gründen – nicht ruhig sitzen bleiben, bis er eine der Sagen aus der bündnerischen Bergwelt erzählen konnte. Er begann leicht theatralisch mitzutanzen, sich zu verrenken, in verschmitzter Art mitzuteilen, was ihn bewegte. Und das war eine Fülle von wechselvollsten Empfindungen, teilweise von den Musikern, dann auch von den Sagen vorgegeben.

Noch sprach er von seinem ersten Auftritt im «Richisau». Vor 15 Jahren sei das mit der «Bergfahrt» von Ludiwg Hohl gewesen. Hurtig wurde man dann zum Geisshirten geführt, der auf gar ungewohnte Art oft nach Einsiedeln pilgerte, weil er sich einst im Hexenbuch eintragen liess. Für ihn war der Weg jeweils enorm beschwerlich. Und weil diese Sage so unheimlich war, einen leichten Schauder durchaus zu wecken vermochte, erzählte Schnoz das Geschehen in ungemein schönem, so melodischem Rätoromanisch, mitreissend kraftvoll und leidenschaftlich.

Und schon weilte man beim Schafhirten auf der Alp Ranasca bei Panix, bei einem Mann, dem die Arbeit über den Kopf wuchs, hatte er doch 7000 Schafe zu hüten. Er suchte und fand einen Helfer. Ein hübscher Junge sei das gewesen, gefällig, heiter und zuverlässig. Kurz vor dem Alpabzug, so gegen Ende September, ereignete sich wahrlich Seltsames. Eines Nachts wurde aus dem Burschen ein Mädchen, das dem Feuer im Herdloch entstieg, blitzschnell verschwand, den liebestollen Schafhirten wenig später nicht ehelichen wollte und – als sei das nicht schon Strafe genug – ihn und alle Tiere in Steine verwandelte. Es ist nachvollziehbar, dass die beiden Musiker in solchen Momenten gar viele Gefühle auszuspielen hatten.

«Dr Müller und sini Puppa» spielt im Val Lumnezia. Riesig und stark sei der Müller gewesen. Er entschied sich, da ihm das Einschlafen zuweilen enorm schwerfiel, aus Sacktuch eine Lumpenpuppe zu machen. Mit ihr unterhielt er sich bestens, bekochte sie sogar und merkte bald einmal, wie fressgierig dieses Wesen war, ihn drangsalierte, immer unverschämter und fordernder wurde. Er belegte sie mit einem Fluch, da blieb das Mühlrad an einem kalten Wintertag stehen, alles – auch der Müller – erfror. Erst im darauffolgenden Tauwetter fand man ihn.

Zuweilen mit Tod und Verderben, mit arg Traurigem ging es weiter. René Schnoz und die Musiker waren in ihrem Element. Es starben zwei Brüder in Salischina, weil ihnen eine geheimnisvolle, sich aus dem Stein lösende Schlange, ständig das Brot wegfrass. Es starb auch die Mutter, gramgebeugt. Der Vater suchte auf Geheiss des Pfarrers die Kirche auf, weinte und lachte während der Messe derart, dass es echt unheimlich wurde, dass er sich in der Pfarrstube zu erklären hatte.

Plötzlich auftauchende Teufelchen, die ebenso schnell verschwinden konnten, spielten in einem Buch mit einem währschaften eisernen Schloss versehen, in der Pfarrstube aufbewahrt, eine zentrale Rolle. Las man auf der 77. Seite drei Zeilen rückwärts, gings los – oder hörte eben auf. Die Haushälterin des Pfarrers geriet an dieses Buch. Raffiniert, wie sie kaum zu lösende Aufträge gab. Schwarze Bohnen konnte auch der Gehörnte nicht einfach weisswaschen.

Man erfuhr, weshalb den Churern ganz viel Vieh abhandenkam und weshalb die Medelser fast Grossbauern wurden. Man vernahm einiges über kleine, hässliche blutrote Schafe und die Suche nach der Sonne, durch zwei halbnackte Alpgehilfen. Man schloss kurzzeitige Bekanntschaft mit gehörnten kleinen Teufelchen und den Galgen von Medels, der nicht für jeden hergelaufenen Gauner bestimmt war.

Es endete abrupt, schaurig und schön zugleich. Noch erfuhr man, dass Dani Metzger am November in Ziegelbrücke lesen werde – und schon war das wechselvolle, spannende Begegnen vorbei.