«Der Sprung» – Simone Lappert las im Wortreich Glarus

Das Begegnen mit unbekannten Literatinnen und Literaten ist vor der jeweiligen Lesung oder persönlichen Lektüre mit einer gehörigen Portion Neugierde verbunden. Simone Lappert, die auf Einladung der Verantwortlichen der Buchhandlung «wortreich» las, gehört gewiss dazu. Im Jahre 1985 in Aarau geboren studierte sie Literarisches Schreiben in Biel. Sie lebt und arbeitet in Basel und Zürich. Ihr im Jahre 2014 erschienener, im Moment vergriffener Erstling trägt den Titel «Wurfschatten».



Vorgestellt wurde die Buchautorin wie gewohnt von Christa Pellicciotta, Geschäftsführerin des grossflächigen Ladens an der Abläschstrasse, der von kreativ und umsichtig handelnden Fachfrauen mitbetreut ist, mit einem gut funktionierende Kulturangebot und riesigem Antiquariat samt kleiner, feiner Cafeteria aufwartet. Wie gewohnt wurde auf kommende Veranstaltungen (Filme am kommenden Wochenende, Weinbar mit Balz Störi) hingewiesen.

 

«Der Sprung» – so der Titel – birgt eine Fülle von Ungewohntem, Faszinierendem, geschickt aufgebauten Fakten, die zuweilen realitätsfern, dann wieder ungemein wirklichkeitsnah sind. Alles ist inmitten des herausragenden Wortreichtums klug verwoben, erfordert von den Lesefreudigen ein hohes Mass an Aufmerksamkeit und kombinatorischem Geschick, damit alles in mehr oder weniger logischer Form zugeordnet werden kann. Im Zentrum steht Manu, deren Nachnamen eigentlich keine Rolle spielt. Sie, studierte Biologin und Störgärtnerin bei Kunden, die keine Dutzendware wollen, ist ein wahres Bündel an Eigenwilligkeit, Ungewohntem, aus vielen «Normen» wegdriftend. Sie ist zumeist schweigsam, ist gegenüber ihrem Umfeld abweisend, schroff, äussert sich in einer Direktheit, die eine verständliche Unsicherheit und Betroffenheit, ja Ablehnung provoziert. Sie liebt das Kleine, kombiniert vieles mit Geschick, kennt sich in dieser selbst gewählten beruflichen Bandbreite bestens aus. Manu hält sich –, nachdem sie von einem Kunden irrtümlicherweise ausgesperrt worden ist – zeitlich enorm lang auf einem Dach auf, wirft mit Ziegeln und anderem um sich, gefährdet damit die sensationslüsternen, bereitwilligst wertenden und fotografierenden Gaffer samt Presse und Hilfskräften wie Feuerwehr, Polizei, verharrt und gibt nicht preis, was sie eigentlich vorhat. Irgendwo steht geschrieben, ob es auch ein Sprung ins Leben und nicht in den Tod sein könnte. Es ist letztendlich ein Weggang ins Irgendwo. Simone Lappert lässt die Lesenden – wohl bewusst – im Ungewissen. Springt sie oder springt sie nicht?

Umgeben ist sie von Personen, die von den Lesenden erst mal erfasst sein wollen. Die Buchautorin wies anlässlich der gut besuchten Lesung auf zehn aus verschiedensten Gründen involvierte Personen hin. Da sind beispielsweise die Polizeiverantwortlichen, die – logisch betrachtet – schon lange hätten intervenieren sollen, die aber, von der Autorin vorgegeben, zu Statisten degradiert sind, sich unter die gebannt und sensationslüstern Zuschauenden einreihen und nicht mal die mit Manu Befreundeten oder eng Verwandten zur erschreckend desorientierten Hauptperson vorlassen. Sie alle entsprechen nicht dem, was man als «normale Gesellschaft» bezeichnet. Es sind von der Autorin herausgearbeitete charakterliche Eigenheiten, die das gesamte Geschehen spannend, aber auch verwirrlich wachsen lassen. Ein logischer Ablauf ergibt sich nur, wenn man sich mit hoher Aufmerksamkeit durcharbeitet.

Simone Lappert schildert bildreich, geschickt, vermag Botschaften klug zu verweben, wählt wortstark, intelligent charakterisierend aus. Dass einem die Personen aus diesen «Nebenschauplätzen» ans Herz wachsen, ist am Rande beabsichtigt. So ergibt sich eine zuweilen befremdliche Distanz zwischen Leser und inhaltlich Vorgegebenem. Es stellt sich die Frage, ob die Autorin mit Derartigem bewusst spielt.

Simone Lappert zeigte auf, dass nach vielem Recherchieren der Handlungsablauf gewachsen sei, dass sie oft arbeite, wenn Text und Klang übereinstimmen, dass sie mit dem Lesen zum Schreiben gekommen sei, eine lange Schreibreise durch Europa unternommen habe.

Einige der zehn Personen, es sind fiktive Figuren, wurden im Verlaufe der Lesung vorgestellt. Da wäre Finn, Fahrradkurier, Freund der Manu, verliebt, verwirrt, verunsichert. Es kommt Manus Schwester Astrid vor, die beim Helfen nicht erkannt sein will, weil sie für ein hohes politisches Amt kandidiert. Einigen Raum nimmt der Polizist ein, der mal dringend müsste, auf seine Ablösung sehnlichst wartet, Manu vom Dach holen sollte. Es ist das Ehepaar mit dem plötzlich stark frequentierten Krämerladen. Es sind weitere Personen, alle mit Namen und Geschehnissen im Buch auftretend. Sich da reinzulesen, ist spannend, fordernd, zuweilen aufwändig.

Offene Antworten ergaben sich auf viele Fragen, auf den Genuss des Zuhörens, auf die Form des Recherchierens, die Wahl des nun gültigen Buchtitels (einst stand «Die Störung» im Raum), Vertragsinhalte zwischen Verlag und Autorin, Wahl des Titelbilds, den Zugang zu den im Buch erwähnten Personen.