Die 68er-Bewegung in der Schweiz

In einem Vortrag vor dem Historischen Verein im Soldenhoffsaal in Glarus referierte der Historiker Heinz Nigg kürzlich über die «Geschichte der 68er-Bewegung in der Schweiz», über die er auch ein Buch verfasst hat.



Historiker Heinz Nigg referierte über die 68er-Bewegung in der Schweiz. (Bild: alombardi)
Historiker Heinz Nigg referierte über die 68er-Bewegung in der Schweiz. (Bild: alombardi)

In seinem Buch mit dem Titel «Wir sind wenige, aber wir sind alle» hat der Historiker und Ethnologe Heinz Nigg 41 Personen aus der Zeit der 68er-Bewegung in Interviews befragt und darüber ein umfangreiches Buch verfasst. Unter den Befragten sind viele bekannte Persönlichkeiten wie alt Bundesrätin Ruth Dreifuss, die Nationalräte Jo Lang, Hans-Jürg Fehr, Franco Cavalli, Professor Ueli Mäder, Filmemacher Fredi M. Murer oder der Musiker Polo Hofer. Aus den Antworten der Befragten hat Nigg 14 Thesen zur historischen Bedeutung dieser sozialen Bewegung erarbeitet, über die er in seinem Vortrag vor dem Historischen Verein – mit zahlreichen Passagen aus den Interviews - referierte.

Mehr kulturelle als politische Revolution

In einer der Thesen bezeichnet er die 68er-Bewegung als einen Paradigmawechsel durch den Umbruch des Modernisierungsprozesses der Nachkriegszeit, und in anderen Thesen stellt er fest, dass sie mehr als Klassenkampf mit Revolutionsparolen gewesen sei. Es ging vielmehr um die Fragen der Aufhebung der Entfremdung zwischen den Generationen, zwischen den Geschlechtern und in der Arbeit sowie um die Frage nach einem selbstbestimmten Leben. Die Bewegung sei nicht einheitlich strukturiert gewesen, sondern war ein Netzwerk von spontan gebildeten Gruppen, erklärte der Referent weiter. In seiner letzten These meinte Nigg, die 68er-Bewegung war auch eine Erprobung neuer Kultur- und Lebensformen. Für viele 68er mündete der Aufbruch nämlich in einer kulturellen Revolution: Veränderung der Geschlechterbeziehungen, Erprobung neuer Väter- und Mütterrollen oder im neuen Verständnis von Autonomie in er Arbeitswelt. Die 68er-Bewegung sei also mehr kulturelle als politische Revolution gewesen.

Glarner Erinnerungen an die 68er

Die an den Vortrag anschliessende Diskussion wurde rege benutzt. So erinnerten sich die 68er Daniel Aebli und Dr. Ruedi Schneiter, dass die Bewegung mit einiger Verzögerung in der Schweiz und mit noch mehr Verspätung im Glarnerland eingetroffen sei. Schneiter stellte fest, dass aus der Bewegung heraus in Glarus ein Forum für Bildungspolitik gebildet worden sei, das auch politische Erfolge erzielen konnte. Für einen andern Votanten bildete die Bewegung die Flucht aus dem Ghetto einer stockkonservativ-katholischen Gemeinde, für einen andern Redner dagegen den Aufbruch in der katholischen Kirche im Nachgang zum Vatikanischen Konzil in den sechziger Jahren.