Es ist Mittwochabend, der 29. Oktober, im Stübli oberhalb des Kuhstalles auf dem Bleichi-Hof von Nicole und Andreas Krieg in Niederurnen. Gegenüber von mir sitzt Regina Weber, die neue Ortsvertreterin der Winterhilfe auf dem Kerenzerberg. Sie ist ein sozialer Mensch und gleichzeitig Teil eines sozialen Netzwerks, das die oft unsichtbare Armut im Glarnerland lindern will. Vor ihr stehen ein Glas Birnel und ein Winterhilfe-Stern – das Begrüssungsgeschenk. Weber ist die Nachfolgerin von Susanne Kamm, die 20 Jahre Ortsvertreterin war und heute nicht dabei sein kann. Sie wird ihr den Blumenstrauss und das Abschiedsgeschenk vorbeibringen. Das ist das erste Merkmal dieses ehrenamtlichen Netzwerks: Präsidentin Lienhard zeigt allen, dass sie persönlich dankbar ist für jeden Dienst.
Zielgenau
Während manche Formen der Unterstützung oder Subventionierung nach dem Giesskannenprinzip funktionieren und oft Millionen verschlingen, sind die Budgets und Beiträge bei der Winterhilfe überraschend tief: Gerade einmal 300 Franken bekommen die Glarner Dorfvertretungen als «Sockelbeitrag» jährlich zugeteilt. Sind auf dem Konto des Dorfes mehr als 5000 Franken, entfällt auch dieser Beitrag. Denn – das ist das zweite Merkmal der Winterhilfe – das Geld soll für die Bedürftigen ausgegeben werden. Fast die gesamten Erträge aus der Mittelbeschaffung (das sind 82 000 Franken aus Herbstsammlung, Spenden, Verkauf von Sternen und Altkleidersammlung) konnten für die Projekte aufgewendet werden. 224 Menschen wurden finanziell unterstützt, bekamen Einkaufsgutscheine und Sachleistungen – etwa bei Kleiderbestellungen. Doch sollen alle erst einmal beim Soli Shop in Schwanden und beim Secondhand-Shop von Team Challenge in Glarus schauen, ob sich dort das Benötigte findet. Das ist das dritte Merkmal: Sparsam mit dem Spendengeld umgehen, damit es für mehr Menschen reicht. «Was dann im Soli Shop nicht gefunden wird, wird beschafft», so Geschäftsstellenleiterin Nadja Stalder.
Viele Fäden, ein starkes Netz
Zum Netzwerk gehören unter anderen die Samariter, das SRK oder Pro Infirmis. An diesem Abend stellt Malvina Nesca von Caritas St. Gallen die KulturLegi vor – ein Angebot aus dem starken Netz der Hilfswerke. Sie wird im Kanton Glarus bereits von 888 Personen genutzt, mehrheitlich von Kindern und den 26- bis 45-Jährigen, aber auch von Senioren. Bibliotheken, Freibäder, die lintharena, Kulturbühnen – sie können mit der Legi vergünstigt besucht werden, von jenen, die Ergänzungsleistungen, Sozialhilfe oder Stipendien beziehen. Die Winterhilfe arbeitet eng mit Tischlein deck dich zusammen. Gerade hat Erika Schwab in Schwanden nach Glarus einen zweiten Standort eröffnet, der bereits gut besucht wird. Vor Weihnachten verteilt die Winterhilfe Glarus dort «Chlaussäckli» und Einkaufsgutscheine.
Der Blick auf die Not
Wen sie auf welche Art unterstützen, ist Sache der Ortsvertreterinnen. Manche bekommen das Säckli in den Milchkasten gestellt, bei anderen wird es persönlich übergeben – so, wie es am besten passt. Das ist das vierte Merkmal: Das lokale Wissen wird genutzt, um möglichst punktgenau zu helfen. Die Geschäftsstelle und die Ortsvertretungen behandeln die Gesuche – ob nun ein Wochenende finanziell überbrückt werden muss, weil kein Geld mehr im Portemonnaie ist, ob eine Arztrechnung übernommen wird, ob es einen Lebensmittelgutschein von Coop oder Volg braucht oder Freizeitaktivitäten für benachteiligte Kinder.
Wie die Spenden gesammelt werden
Neben der Herbstsammlung, welche 2024 mehr als 39 000 Franken erbrachte, kamen fast 7000 Franken aus dem Verkauf der Winterhilfe-Weihnachtssterne durch Primarschüler/-innen sowie Lehrpersonen zusammen. Und nach wie vor werden Ehrenamtliche gesucht – etwa für die Ortsvertretung in Betschwanden, Netstal und Mollis. Denn die exakte Architektur des Gebens funktioniert nur auf einer wachen Basis von sozial gesinnten Menschen. Wer Teil dieses Netzwerks werden will, darf sich bei Nadja Stalder auf der Geschäftsstelle melden.
Winterhilfe Glarus, Geschäftsstelle, 8750 Glarus, Telefon 077 417 19 05, [email protected]. Spendenkonto: IBAN CH50 0900 0000 8700 1193 7



