Die «Eierlikörtage und Das geheime Tagebuch des Hendrik Groen»

Mit seinen 83¼ Jahren gehört Henrik Groen eindeutig zur heute so oft zitierten Risikogruppe. Als er die Einträge für sein tolles, in Buchform erschienenem Werk niederschrieb, war von diesen weltumspannenden, leider sehr belastenden Tatsachen noch keine Rede. Zu seinen bemerkenswerten Einträgen meint er: «Kein Satz ist eine Lüge, aber nicht jedes Wort ist wahr.» Am exakt 19. Februar 2013 gründete er in seiner Bleibe, einem holländischen Altersheim, den Rebellenclub «Alt-aber-nicht – tot (Alanito)». Es war der Mitbewohner Graeme, der diese Anregung machte. Im Hause habe es einfach zu wenig Action. Da müsse Grundlegendes geändert werden.



Man muss wissen, dass diese Erkenntnis immerhin zu einem Zeitpunkt mit Hauskonzert, dem Beinahe-Erstickungstod von Frau Snijder nach dem Genuss eines Spekulatius und Herrn Schippers Weggleiten in einen Pflanzenkübel erfolgte. Mit grosser Gewissenhaftigkeit – über immerhin leicht mehr als 400 Seiten hinweg – sind Munterkeiten, Trauriges, Amüsantes, Überdenkenswertes, Abenteuer, Entgleisungen, Genüsse und Vergnügungen aufgezeichnet. Langweilig wird es den Lesenden kaum einmal – vorausgesetzt, man verfügt über ein solides Potenzial an Verständnis und Humor.

Mit Aufzählen kann an dieser Stelle nur in sehr begrenzter Art begonnen werden. Der Buchautor stellt am 1. Januar 2013 fest, dass er immer noch nichts übrig habe für Senioren. «Dieses Geschlurfe hinter Rollatoren, diese völlig deplatzierte Ungeduld, dieses ewige Gejammer, diese Kekse zum Tee, dieses Geseufze und Gestöhne». Das ist recht deftig Aber beim hoffentlich genussvollen Weiterlesen werden Meinungen ändern. Hendrik Groen ist ein glänzender Beobachter, Inhaltserfinder, Ausschmückender. Er stellt sich nicht unbescheiden als «stets korrekt, gewinnend, freundlich, höflich und hilfsbereit» hin.

Und über viele Wochen und Monate verteilt, tröpfeln die Ereignisse dahin, in gemächlichen, dann wieder stürmischen Tempi. Gnadenlos stellt Groen irgendwo fest, dass «die Natur eine erbauliche Rolle im Leben eines Seniors spielen kann, aber ganz bestimmt nicht im Wohn- und Schlafzimmer eines niederländischen Seniors». Herrlich ist, wie untereinander geholfen wird. Da hat doch der Buchautor den Kuchen von Frau Visser ins Aquarium geschmissen. Im dritten Stock verstarb daraufhin einer der Fische. Wer war das?
Herr Hoogdalen erwarb einen tollen Scooter und will einen Club mit Gleichgesinnten gründen. Sie sollen sich die Bezeichnung «Die Antilopen» geben.
Bei Groens recht regelmässigen Treffen mit Evert fliesst Alkohol in guten Portionen. Evert führt immer so ein: «Ein Gläschen hievon und eins davon» – ein wählerischer Trinker sei er nicht. Man habe ihn auch schon beim Auslöffeln einer ganzen Flasche Eierlikör gesehen.
Altersarmut, Kaffeeklatsch, betriebliche Internas, Kekse, Ausländerfragen, Ausflüge (stets recht geheim ablaufend) der Gruppe «Alanito», Krankenhausbesuche, ehrliche Anteilnahme bei Krankenbesuchen, viel Herzlichkeit und Zuneigung, Entscheidungsstärke, klares Werten, Mitgliederversammlungen, Fernsehprogramme, der Tod lieber Weggefährten – nichts bleibt ausgeklammert.
Diese Fülle ist nur zu bewältigen, wenn man das Buch zwischendurch weglegt – einfach an einen Ort, wo man es wiederfindet.