Die Flurnamen der Gemeinde Glarus

Es sind nicht bloss eine unwahrscheinlich intensive, sich über zehn Jahre dahinziehende Fleissarbeit und die Folge eines gewissenhaften, sorgsamen Zusammentragens von Flurnamen des glarnerischen Mittellandes (Glarus, Ennenda, Riedern und Netstal), die bald einmal in Buchform erscheinen werden. Mit dem Zustandekommen untrennbar verbunden sind Leidenschaft, hohes Interesse, Freude an kleinsten Details, Gewissenhaftigkeit und neugieriges Forschen.



Auf exakt 328 Seiten und zwei Kilogramm Gewicht wird das inhaltsstarke Resultat präsentiert. Und was im sogenannt «kleinen Rahmen» begann, gedieh zuweilen zur Herkulesaufgabe, zu einem Auftrag, den sich das anfänglich aus Andi Lienhard, Glarus (Sponsoring), Fritz Marti, Glarus (Wanderwege), Peter Staub, Mollis, Kantonaler Fachstellenleiter Geo-Information und Vermessung (Kartenmaterial) und Thomas Spälti, Glarus (Redaktion und Produktion) bestehende Projektteam einst gestellt hatte.

An die investierten Stunden, an zahllose Gespräche, mehrere Tausend Mails, oft ehrenamtliche Arbeit, teilweise grosszügiger Verzicht auf Honorare mag man fast nicht zurückdenken. So war Dr. Peter Staub als Privatperson im Einsatz, Thomas Spälti setzte sich mit einem 80%-Prozent-Pensum fürs Zustandekommen des Buches ein. Es galt Kartenmaterial zu ordnen, alle Flurnamen alphabetisch zu erfassen und mit Koordinaten und jeweiliger Seitenzahl im angehängten Verzeichnis aufzunehmen, finanzielle Mittel aufzutreiben und an dieser Stelle das Projekt vorzustellen. Eigentlich sei alles – fast alles – richtig positiv verlaufen. Von 15 Hauptsponsoren seien 190 000 Franken zusammengekommen.

Und weshalb Thomas Spälti von diesem Vorhaben gepackt worden ist, hängt mit Beeren zusammen, die vom «Näggeler» zu ihm gelangten. Da habe es ihm buchstäblich «den Ärmel reingenommen». Dann kam Arbeit, nochmals Arbeit, doppeltes Rückfragen, ob der betreffende Flurnamen denn auch stimme. Es reifte die Erkenntnis, dass ein Flurname dann gültig werde, wenn 25 Personen vom gleichen Ort an gleicher Stelle reden.

Flurnamen gibt es zuhauf. In der Schweiz trage jeder Quadratmeter Fläche einen derartigen Namen. Einige sind über 2000 Jahre alt, nicht selten mit einer gehörigen Portion an Geschichtlichem verbunden. Flurnamen, das leuchtet allen ein, sind ein Kulturgut, das es zu erhalten gilt. Sie ermöglichen das persönliche Orientieren. Gar viele dieser Bezeichnungen sind mündlich weitergegeben worden. Der Vergessenheit sollen sie nicht anheimfallen. Das wäre allzu bedauerlich. Und ist einmal alles schriftlich fixiert, kann über Sinn und Bedeutung das nachgelesen werden, was interessiert. Flurnamen sind in keiner Weise Sache des spezialisierten Wissenschafters, sondern sollen wissenswertes Gemeingut bleiben. An der Präsentation des Buches – man befinde sich im Endspurt – war zu erfahren, dass rund 6000 Kilo Papier bedruckt würden für eine Auflage mit 3500 Exemplaren, die bis auf 800 Stück bereits vorbestellt sind. Ein Reservieren über den Buchhandel ist sehr empfehlenswert.

Und was im Verlaufe des Suchens, Zurückfragens, Verifizierens und Ordnens aller Begriffe entstanden ist, bleibt bemerkenswert. Die Verantwortlichen und mit ihnen das ständig wachsende Projektteam zeigen auf, dass um 2000, heute noch bekannte Flurnamen der vier Mittellandgemeinden gesammelt und geordnet werden konnten und dass in 1975 Fällen eine Deutung möglich war. Das Buch wird damit zu einem für Interessierte willkommene Nachschlagewerk, das kaum einmal lange im Bücherregal unter seinesgleichen bleiben, sondern wohl oft konsultiert werden wird. Kartenmaterial, Kapitel über das Militär in den Fluren, Ausführungen zum Landesfussweg und die Dorfübernamen, eine beigefügte Karte mit den Wanderwegen und viel Geschichtliches zu einzelnen Flurnamen sind zusammengetragen worden. Erhältlich ist es ab 26. September im Buchhandel.

Das Projektteam konnte erfreulicherweise auf breite Unterstützung der Öffentlichkeit und über 30 Mitarbeitende zählen. Verschiedentlich wurde in Teilen der kantonalen Medien in den vergangenen Monaten über Flurnamen berichtet. Das hat bei hoffentlich vielen Leserinnen und Lesern die Lust auf Weiterführendes geweckt, so wie es auf dem Umschlagbild mit der neuen Löntschtobelbrücke der Fall ist – vom festen Standort führt sie ins Unbekannte.

Start, Zeit, Neugierde, Wahrnehmen

Nun besteht gar nicht die Meinung, dass man sich in einen geschützten Winkel zurückzieht und mit Lesen beginnt. So würde man beinahe im Viertelminutentakt auf stets Neues stossen, keine Zeit zum Innehalten haben oder sich gar nach draussen an den «Ort des jeweiligen Geschehens» begeben. Bei der Lektüre – so viel sei verraten – kommt einem einiges vertraut vor, anderes ist so etwas wie Neuland.

Einige «Müschterli» sind angebracht.

So ist zu erfahren, was «Abläsch» und «Biasca» miteinander zu tun haben. Weiter wird beispielsweise ausgedrückt, dass der Begriff «Büttenen» ohne historische Belege nicht gedeutet werden konnte; dass ein Einschnitt im Boden «Chälen» bedeutet; dass der «Fläderfuess» den stehengebliebenen Baumstumpf zum Inhalt hat; dass man im Kapitel «Geschichte und Geschichten» nachlesen kann, wie es zum «Herrenweg» kam, das «Reitzen» nicht zugeordnet werden konnte; dass «Salem» als «Jerusalem» interpretiert wird; dass auf dem «Sammetboden», einer ebenen Weidestelle, enorm weiches Futter gedeiht oder der «Torggelweg» vielleicht jenen diente, die mehr oder weniger beschwingt unterwegs waren.

Geschichte und Geschichten

Beim «Vorstudium» dieses Buchteils sieht man sich mit der Bedeutung einer Allmeind konfrontiert und stösst wenige Zeilen später auf die gruselige, schweizweit bekannte Geschichte mit der Schiesserei auf Alp Begligen im August 1954, stösst auf Ausführungen zur «Christiansgass» oder dem «Fäncherengraben», erfährt etwas über den «Glaspalast», staunt und schmunzelt über die präzisen Hinweise zum «Panamakanal», der mit der Wasserkraft des Löntsch und dem Klöntalersee einiges gemeinsam hat, zwischen 1895 und 1898 geplant und gebaut wurde und verschiedene Gewerbebetriebe und Textilfabriken mit Energie versorgte. Russenfridhof, Suworow, Kanton Linth, Russenmuur, Bourbaki-Armee, Zweiter Weltkrieg oder Gruppe Glärnisch, Seilsperren über Klöntaler und Garichte-Stausee sind weitere Teile in dieser fast endlosen Vielfalt.

Fast schwindlig werden lässt einen die mehrseitige Liste mit den rund 2000 aufgelisteten Flurnamen ab «Abedweid», «Aediruus», «Burgetsiten», «Hangeten», «Kasino», «Läbli», «Spitzblanggen», «Wältschematt» bis «Warben». Dank Koordinaten wissen Eingeweihte sofort, wo man sich da befindet.

Noch muss man sich bis in die zweite Septemberhälfte hinein gedulden, bis der Erwerb möglich ist. Vielleicht wird dann landauf, landab zeit- und ansatzweise oder in vertiefender Form über Hangeten, Brunnentschingel, Chälenseeli, Butzihöschetli, Spitzblanggen, Kaiser, Töbeli, Wärbeli, Klavier, Sphinx und anderes geredet.