Die Glarner Gemeinden vor dem Tag X

„Drei starke Gemeinden – ein wettbewerbsfähiger Kanton“: Dieser Slogan begleitet die Glarner Gemeindestrukturreform. Kann der Anspruch nach dem 1.1.2011 eingelöst werden? Die Gemeindepräsidenten der drei neuen Gemeinden sind zuversichtlich.



Die Gemeindestrukturreform befindet sich in einer ganz speziellen Phase. Einerseits müssen die bestehenden Gemeinden bis am 31. Dezember 2010 einwandfrei weiter funktionieren. Andererseits laufen die Startvorbereitungen für die neuen Gemeinden auf allen Stufen auf Hochtouren, so dass am 1. Januar 2011 der Betrieb in den neuen Strukturen umgehend aufgenommen werden kann. Beides sind sehr anspruchsvolle Aufgaben, und die Gemeindebehörden und die Gemeindeangestellten werden wohl hin und wieder an ihre Belastungsgrenzen stossen. Bei soviel Arbeit, die in kurzer Zeit erledigt werden muss, kann es leicht passieren, dass man „ vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht.“ In diesem Fall ist mit dem Wald das übergeordnete Ziel der Gemeindestrukturreform gemeint, nämlich dass das Glarnerland schon bald über drei starke Gemeinden und einen wettbewerbsfähigen Kanton verfügt. Wird dieses Ziel erreicht?

Zuversichtliche Gemeindenpräsidenten

Auf diese Fragen kennen die drei Glarner Gemeindepräsidenten nur eine Antwort: Ja. Die Gemeindestrukturreform sei ein eminent wichtiger Entscheid für die Zukunft des Standorts Glarnerland gewesen. Das Projekt GL2011 habe die wesentlichste Voraussetzung überhaupt geschaffen, damit der Kanton überlebens- und konkurrenzfähig bleibe und sich positiv entwickeln könne. Diese Überzeugung vertritt Martin Laupper, Gemeindepräsident von Glarus Nord. Und Christian Marti, Präsident der neuen Gemeinde Glarus, freut sich, dass der Kanton seine Hausaufgaben gemacht hat: "Wir haben uns von innen heraus reformiert, haben die Strukturen sowohl auf Kantonsebene als auch auf Gemeindeebene übersichtlicher gemacht. So ist ein Gebilde entstanden, das in der Lage ist, seinen rund 38'000 Einwohnerinnen und Einwohnern eine eigenständige Zukunft zu versprechen."

Auch die Frage, was sie für die neuen Gemeinden als grössten Gewinn sehen, beantworten die drei Gemeindevorstände unisono. "Der grösste Vorteil ist, dass wir die Kräfte bündeln können und beim Rechnen, Denken und Planen nicht mehr an engen Gemeindegrenzen Halt machen müssen", fasst es Marti in Worte. Und Thomas Hefti, Präsident von Glarus Süd, doppelt nach: "Wir können unsere künftige Entwicklung über grössere Räume planen und verfügen über ein grösseres Reservoir an Menschen, um die Behördenämter besetzen zu können. Ausserdem haben wir mit rund 10'000 Einwohnerinnen und Einwohnern mehr Gewicht als eine kleine Gemeinde."

Drei Gemeinden – drei Stärken

Jede Gemeinde ist stolz auf ihre unterschiedlichen Stärken: "Unser grösster Standortvorteil sind die Natur und die Landschaft, die beide wiederum für einen Reichtum an Wasserkraft sorgen", meint Thomas Hefti und spricht die Potenziale im Tourismus und in der Industrie in Glarus Süd an. Martin Laupper erachtet vor allem die geografische Lage seiner Gemeinde als wichtigen Trumpf. Glarus Nord sei das Eingangstor zum Glarnerland und verkehrstechnisch gut erschlossen. "Wir sind nach Zürich orientiert und spüren umgekehrt auch den Entwicklungsdruck von Zürich Richtung Osten. Davon können wir profitieren und darauf können wir unser Wachstum aufbauen." Das macht Glarus Nord nicht nur als Wohnort, auch als Wirtschaftsort ist Glarus Nord dank der attraktiven Glarner Unternehmensbesteuerung sehr attraktiv. Vor diesem Hintergrund erwartet Glarus Nord für die nächsten zehn Jahre ein Bevölkerungswachstum von rund 2000 Personen, womit die Gemeinde von heute knapp 17'000 auf 19'000 bis 20'000 Einwohnerinnen und Einwohner anwachsen würde. Die dritte Gemeinde im Bunde, Glarus, bleibt mit der Kantonsverwaltung und den über 7000 Arbeitsplätzen das natürliche Zentrum des Glarnerlands. Im Besonderen schätzt Gemeindepräsident Christian Marti die "Kompaktheit" des neuen kommunalen Gebildes im Herzen des Kantons.

Alle Gemeinden setzen auf Wachstum

Wo siedeln die drei Gemeindepräsidenten ihre Entwicklungsschwerpunkte für die nähere Zukunft an? Glarus und Glarus Süd erarbeiten derzeit ein entwicklungspolitisches Leitbild beziehungsweise die Legislaturziele bis 2014. Eine grosse Herausforderung für die Zukunft ist jedoch die Verkehrserschliessung: "Wir warten sehnlichst auf eine Umfahrung von Näfels, die bis vor das heutige südliche Glarus führt. Für mich ist diese Erschliessung eine der wichtigsten Voraussetzungen, um eine erfolgreiche Entwicklung von Glarus Süd zu initiieren", betont Thomas Hefti. Sein Kollege Christian Marti stimmt ihm zu: "Der Kanton Glarus ist einer der wenigen Kantone der Schweiz, die von der Autobahn nur sehr rudimentär erschlossen sind. Hier liegt ein sehr grosses Entwicklungspotenzial: Es muss uns in den nächsten Jahrzehnten gelingen, das Glarnerland besser ans Autobahnnetz anzubinden und die Dörfer zu entlasten." Auch beim öffentlichen Verkehr sehen Hefti und Marti noch Lücken: Sie streben an, dass der Glarner Sprinter von Zürich aus im Halbstundentakt fährt und bis Linthal führt.

Mit Blick auf das angestrebte wirtschaftliche Wachstum haben sich alle drei Gemeinden auf die Traktandenliste geschrieben, ein aktives Standortmarketing zu betreiben. Bei der Wirtschaftsförderung will Glarus Süd laut Thomas Hefti auf alle Sektoren – Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen, Tourismus, Landwirtschaft – gleich viel Gewicht setzen. Glarus Nord wiederum plant, sich gezielt auf KMUs zu fokussieren, auf – wie Martin Laupper es ausdrückt – "nachhaltig wertschöpfende Unternehmen, die Teil des Motors werden können, den unsere Gemeinde für den ganzen Kanton Glarus darstellt".

Auch Bildung und Kultur stehen auf der Prioritätenliste ganz oben. "Ausgehend von unserer Annahme, dass wir bevölkerungsmässig wachsen werden, erachten wir es als sehr wichtig, auch auf diesen Bereich einen grossen Akzent zu setzen. Unser Bildungs- und Kulturangebot muss attraktiver und qualitativ besser werden", gibt Martin Laupper im Namen von Glarus Nord zu Protokoll. Christian Marti denkt beim Begriff Kultur vor allem auch an die dörfliche Kultur. "Die vier Dörfer, die jetzt die Gemeinde Glarus bilden, zeichnen sich durch kulturelle Besonderheiten und Traditionen aus. Diese Besonderheiten wollen wir bewahren und fördern, solange sie auch von der Bevölkerung vor Ort geschätzt und getragen werden. Denn wir sind der Überzeugung, dass die Identität der neuen Gemeinde nur aus der Identität der bisherigen Dörfer erwachsen kann. Man kann sie nicht künstlich erschaffen."

Die Zukunft wird es weisen

Wie gut es den drei Gemeindepräsidenten und ihren Gemeinderäten gelingen wird, ihre Zukunftspläne zu verwirklichen, ist noch offen. Eines aber kristallisiert sich im Gespräch mit ihnen klar heraus: Es herrscht Aufbruchstimmung und grosse Zuversicht. Martin Laupper bringt die Gefühlslage auf den Punkt, wenn er sagt: "Wir haben in unserer Vision unseren Willen bekundet, in den nächsten acht Jahren zu einer der attraktivsten Gemeinden der Ostschweiz zu werden. Das ist ehrgeizig, aber wir probieren es." Der Slogan der Gemeindestrukturreform kann also Realität werden, nämlich dass drei starke Gemeinden einen wettbewerbsfähigen Kanton prägen.