Die «Kleinen Eheverbrechen» im «Wortreich» Glarus

Mit einer Vermischung aus Tragik, Humor, Treffsicherem, Verletzendem, mit Anklagen, zuweilen falschen Schlussfolgerungen und fatalen Vermutungen agierten Franca Basoli und René Schnoz auf der kleinen, nur wenig raumgreifende Bewegungen gestattenden Bühne in der Kulturbuchhandlung «Wortreich» im Abläsch Glarus. Die «Kleinen Eheverbrechen» nach dem Psychothriller von Eric-Emmanuel Schmitt hatten es in sich.




Simon hat nach einem Unfall, dessen Hergang recht seltsam anmutet und mit Beginn der Handlung selbstverständlich ungelöst ist, das Gedächtnis verloren. Er versucht, in die Wirklichkeit zurückzukehren, sich einen Reim auf das Geschehen zu machen. Seine Frau Lisa – mit ihr ist er seit 15 Jahren verheiratet – kehrt mit ihm aus dem Spital in die gemeinsame Wohnung zurück. Aber ist Lisa wirklich Lisa? Ist Siezen oder Duzen angesagt? Ist noch eine andere Frau im Spiel? Wäre es für Simon – später für Lisa – besser, aus den gemeinsamen vier Wänden einfach wegzuziehen, um den Zoff zu vergessen, über Fremdgehen und exzessiven Alkoholgenuss nicht mehr leidenschaftlich, anklagend, zuweilen auch spontan verzeihend fast endlos diskutieren zu müssen? Macht es Sinn, sich an den ersten Tag der Bekanntschaft zu erinnern? Weshalb wurde die Flucht ins Trinken immer verdeckt gehalten? Was ist von Simons Dichtkunst und der Malerei zu halten?

Es türmen sich in diesem rund 70 Minuten dauernden Stück Fragen über Fragen auf.

Lösungen, zuweilen erschreckende Fakten, kristallisieren sich heraus. Einer wollte den andern schon mal erschlagen. Es gab Wunden, äusserlicher und innerer Art. Simon holt leere Flaschen, die einst mit scharfer Tranksame gefüllt waren, hervor, reiht sie am Bühnenrand auf. Das Geschehen wird gefügt, mit bitteren Worten, Anfeindungen und ironischen Schlussfolgerungen. Es wird Hilfe erfragt: «Erzähl mir von mir! Wer bin ich eigentlich? Was stimmt an meinen Vermutungen? Waren es wirklich jene Erlebnisse, die aufgerollt werden?»

René Schnoz, mit anderen Stücken und Schauspielern im «Wortreich» schon mehrfach Gast und Franca Basoli spielten schnörkellos, mit viel Einfühlungsvermögen, nichts überzeichnend. Sie drückten szenengebunden grosse Leidenschaft und Hingabe aus, um sich alsbald wieder voneinander abzuwenden. Ihr Fragen, Feststellen, Urteilen und Beschuldigen passiert blitzschnell. Man streitet sich heftig über banale Details, verheddert sich in zuweilen kaum Verfänglichem. Sind nun beide das, was sie vorgeben, was sie ausleben? Die beiden Schicksale gleichen einem zuweilen gewaltigen Sturmwind, sind vom Zerfall, von Gewalt bedroht.

Mit eigentlich sparsamen Gesten, spannenden und faszinierenden Wortwechseln wurde Beklemmendes, dann wieder Logisches und irgendwie Befreiendes ausgespielt.

Mit verdient grossem, anerkennendem Beifall wurde gedankt. Und wie gewohnt wurde verweilt, geplaudert – dieser Abend war noch jung.