Die Klingende Schweiz – Matinee im Freulerpalast Näfels

Die zweite Matinee im Freulerpalast Näfels versprach ein Begegnen der ganz besonderen und ungewohnten Art. Mit dem gesetzten Titel lassen sich Volkstümliches, Werke aus verschiedensten Zeitepochen, die Namen vieler Komponisten und Interpreten in Verbindung bringen. Das weckte spürbar grosses Interesse. Daniel Zbinden führte ein. Er hat mit begrüssenswertem Mut zu Neuem die Organisation der insgesamt vier Matineen übernommen. Er sprach in seiner Einführung von einem «Flug über die Schweiz», den die taiwanesische Cellistin Pi-Chin Chien, Vilma Zbinden, Klavier und Fabian Müller, Moderator, Komponist und Volksmusikforscher am praktisch schönsten Kulturplatz im anmächelig schönen und gemütlichen Kanton ausgestalten.




Und das Begegnen begann mit faszinierend Geschichtlichem, nicht zur erwarteten Musik, sondern zum Cello, das von Amati im Jahre 1615 erbaut worden war, stolze 30 Jahre älter als der Freulerpalast ist und eine gar bewegte Geschichte hinter sich hat. Seine Reise führte durch einige europäische Länder, irgendwann landete es in Deutschland, glücklicherweise nicht in irgendeiner diebstahlsicher verglasten Vitrine, sondern bei Leuten, die dank hoher Spielkunst ergreifend schöne Klangmomente zu schaffen wissen. So gastierte denn das «General Oliver Amati Cello» in wahrlich historischer Umgebung, wissend, dass nur die besten Klänge gut genug sind. Pi-Chin Chien nahm sich dieser Klangfülle gar kunstvoll, bewunderungswürdiger gestalterischer Technik und einem Intentionsreichtum an, die hohe Anteilnahme, Staunen und Faszination zu wecken wussten. Vilma Zbinden begleitete einfühlend, kunstsinnig, perfekt, mit einer Leichtigkeit, die den ausgespielten Reichtum der Cellistin aufs Schönste ergänzte, mittrug, mitmalt.

Fabian Müller wies mit begrüssenswert kurzen Kommentaren auf das Werden der verschiedenen Spielstücke hin. Er vermochte mit spürbarer Zurückhaltung, ja Bescheidenheit, aufzuzeigen, wie es zu einigen Kompositionen gekommen war, wo sie aufgeführt worden sind (beispielsweise an einer der Musikwochen in Braunwald), welche Freundschaften ihn mit Martin Stützle, Tim Krohn, Peter Wettstein, Vilma und Daniel Zbinden verbinden und weshalb ihm das Glarnerland wirklich viel bedeutet. Er tat dies ohne Pathos.

Am Anfang standen sechs frühere Lieder von Othmar Schoeck. Die Texte waren mit viel Sehnen, romantischen Inhalten, aus heutiger Sicht etwas gar schräger Dramatik samt Herzeleid und Träumereien verbunden. Die meisterhafte Art des Ausgestaltens war ein grandioses Miterleben. Man spürte so viel Freude, ausgereiftes Einfühlungsvermögen, gegenseitige Abgestimmtheit, Kunstsinn und Virtuosität.

Fabian Müller sprach zu seinen Begegnungen mit dem Ennendaner Martin Stützle und den sieben filigranen Grafiken, die aus einem der verschiedenen Treffen entstanden waren. Er zeigte auf, wie die Kupferdrucke entstanden waren. Man konnte sie sich im Konzertraum anschauen. Müller schrieb sieben klingende Skulpturen, für Cello solo. Man wurde in eine Welt voller Feinheiten, Wucht, leicht Schroffem, in spürbare Ungeduld, fast durchsichtigen Momenten, in Dezidiertheit und Träumereien entführt.

Zwölf klingende Bilder entstanden zu Tim Krohns Kurzgeschichte «Der Geist am Berg». Vilma und Daniel Zbinden gestalteten musikalisch aus, geheimnisvoll, dann wieder enorm markant, tänzerisch, beinahe hüpfend und dahineilend. Man hatte den Inhalt der Geschichte so im Gedächtnis wie ihn Fabian Müller erläutert hatte. Und so wähnte man sich in einer Szenerie, die weit vom Aufführungsort entfernt war.

Und wenig später klang die Suite für Cello und Klavier auf. «Luegid vo Bärg und Tal», ein Tanz aus dem Engadin, ein Appenzeller Zäuerli und ein Hochzeitstanz aus dem Emmental wurden ungemein einfühlend, mit spürbarer Freude, hohem spielerischem Können und mitreissend klugem Gliedern ausgedrückt. Man wurde richtiggehend verwöhnt.

Im letzten Jahrhundert entstand in den Vierziger- und Fünfzigerjahren die umfassende, bedeutungsvolle Sammlung von Hanni Christen, es kam ein kultureller Reichtum zusammen, der von hohem Wert ist. Fabian Müller zeigte auf, wie er Weisen aus dem Goms, dem Jura, ein Wiegenlied aus dem Tessin und eine Tarantella gefügt hat. Man nahm nochmals Anteil an Werken, deren Inhalte so einzigartig, faszinierend und kurzweilig sind, deren Interpretationskunst so viele Gefühle zu wecken vermögen.

Und als Zugabe erläuterte Fabian Müller, was unter «Angeber-Tee» beziehungsweise orientalische Schönheit zu verstehen ist. Am Cello drückte er sich mit Pi-Chin Chien gekonnt und adrett aus.

Es waren viel Lebensfreude und gegenseitige Sympathien gewachsen. Wohl einiges floss in angeregte Gespräche beim offerierten Apéro ein.