Die Knochen im Pfarrhausgarten

Eine abenteuerliche Geschichte ereignete sich diesen Sommer in Obstalden.




Eigentlich hätte es einfach ein schönes Generationenprojekt werden sollen. Im Garten des Pfarrhauses in Obstalden war in der Osternacht ein Teil der Bruchsteinmauer ausgebrochen. Sie diente der Terrassierung des Geländes und war Teil der Gartenanlage, die einen wunderbaren Blick über den Walensee bietet.

Die ursprüngliche Idee einer Betonmauer als Ersatz wurde verworfen. Sie wäre teuer gewesen und hätte nicht zum klassizistischen Pfarrhaus gepasst. Stattdessen entschied der Kirchenrat, eine Trockenmauer erstellen zu lassen. Freiwillige sollten die alte Mauer abbrechen und Fachmann Franco Steger aus Luchsingen die neue bauen.

«Speziell und berührend»

Zwölf Erwachsene und fünf Kinder der reformierten Kirchgemeinde Kerenzen begannen deshalb Anfang Juli mit dem Abbruch der nur noch schwach gemörtelten Bruchsteinmauer. Doch ihr Elan wurde jäh gedämpft: Plötzlich kamen menschliche Knochen und Ziegel zum Vorschein. Immer mehr. Auch einige Tierknochen waren dabei.

«Wir staunten, waren verunsichert, wussten nicht, wie uns geschah. Es war schon speziell und berührend», erzählen Bettina Calonder und David Kobelt, die als Mitglieder des Kirchenrates bei den Freiwilligen mitmachten. Waren sie auf einen Friedhof gestossen? Und stammten die Ziegel gar aus römischer Zeit?

Sie kontaktierten den Archäologischen Dienst des Kantons, der einen Baustopp verfügte. Bei einer Begehung gab Archäologin Maja Widmer dann aber Entwarnung: Die meisten Hohlziegel seien, sofern erkennbar, von Hand gemacht, jedoch nicht römisch. Und es handle sich eindeutig um eine Hinterfüllung der Stützmauer. Ihre Vermutung: «Als das Pfarrhaus nach dem Brand 1834/35 neu erbaut wurde, erweiterte man gleichzeitig die Kirche. Für die klar terrassierte Gartenanlage des Pfarrhauses dürfte Aushubmaterial der Kirche benutzt worden sein. Es könnte sich deswegen um verlagerte Friedhofserde handeln.»

Die Archäologin gab den Abbruch wieder frei. Die gefundenen Knochen wurden in vier Tontöpfen gesammelt und zusammen mit einer Münze des Reformationsjubiläums in der Trockenmauer wiederbestattet. In den Pfarrbüchern wurde alles sorgsam für kommende Generationen aufgeschrieben.

So wendete sich die abenteuerliche Geschichte schliesslich zum Guten. Die Trockenmauer wird dieser Tage von Franco Steger fertiggestellt. David Kobelt blickt vor allem dankbar auf die Arbeit der Freiwilligen zurück, die rund 120 Stunden aufgewendet haben. «Es war sehr schön, wie vom Kind bis zum über 80-jährigen Rentner alle zusammengearbeitet haben.» Die Kinder hätten übrigens keine Mühe mit den Knochenfunden gehabt. Für sie sei es wie eine Schatzsuche gewesen.

An einer kleinen Erinnerungsfeier soll nach Abschluss des Projektes nochmals der Verstorbenen gedacht werden. Ihre Knochen ruhen nun geordnet wieder in der Mauer im Pfarrhausgarten.