Die literarisch-musikalische Reise durchs Glarnerland

Unlängst war im Jakobsblick Niederurnen auf Einladung des Kulturforums Brandluft eine Begegnung mit Auserlesenem angeboten. Interessierte nahmen die wertvolle Gelegenheit zu einer Begegnung mit dem musikalischen Schaffen des Lachner Komponisten Joachim Raff (1822 – 1882) gerne wahr. Mit Begleittexten wurden Bezüge zum Glarnerland möglich, die in einer derartigen Dichte doch selten sind. Zu erfahren war vieles über Jagd, Aufenthalte von damals berühmten Zeitgenossen, Touristisches, landschaftlich Reizvolles, über Briefwechsel und Ansichten jener, die sich gerne verwöhnen liessen.




Gret Menzi begrüsste im Namen der Veranstalter. Fürs Zusammentragen und Lesen hatten sich Swantje Kammerecker und Res Marty bereit erklärt. Vilma und Daniel Zbinden gewährten wechselvolle Einblicke ins musikalische Schaffen von Joachim Raff. Yvonne Götte kümmerte sich um Technisches.

Joachim Raff gilt als vielseitiger Komponist. Sein Schaffen soll verstärkte Beachtung finden – davon sind die Initianten der im Jahre 1972 gegründeten gleichnamigen Gesellschaft zutiefst überzeugt. Seit Herbst des vergangenen Jahres besteht am Hafenbecken von Lachen ein Archiv samt Ausstellung. Auch auf diesem Weg soll Raffs vielfältiges Werk breiter bekannt gemacht werden. Jedes Jahr werden Konzerte und Informationen organisiert. Er wird in einem Begleittext als Alpenreisender, musikalischer Nacherzähler der wohl bekanntesten Liebesgeschichte und bemerkenswert vielseitiger Schaffer vorgestellt.

So begab man sich in eine Zeitspanne, die rund 150 Jahre zurückliegt. Man gelangte damals auf recht abenteuerlichen Wegen ins Tal der Linth. Man erfuhr einiges über Umbruch, Pioniertaten und landschaftlich durchaus Reizvolles. Wer hat schon gewusst, dass anno 1800 das Glarnerland nur zu Fuss erreicht werden konnte? Ab Zürich habe diese Wanderung satte 35 Stunden gedauert. Mit der Kutsche brauchte man um 1850 noch rund die Hälfte der einstigen Zeitspanne. Erwähnung fanden in diesem Zusammenhang das Linth-Escher-Werk und die 1859 eröffnete Eisenbahnlinie bis Glarus. 20 Jahre später wurde der Ausbau nach Glarus Süd willkommene Tatsache.

Joachim Raff gehörte zu den ersten Touristen im Glarnerland. In einem Brief an seine Schwägerin Antonie äusserte er sich im Mai 1867 über ein «garstiges Unwetter», das «schöne Gebirge der Churfirsten» und die Eisenbahnfahrt bis Glarus.

Raff kam in Lachen zur Welt, besuchte mehrere Städte in Deutschland und wurde in Weimar Assistent von Franz Liszt. 1856 gelang ihm in Wiesbaden der Durchbruch als freischaffender Komponist. Seine Werke wurden sehr häufig aufgeführt. 1877 wurde er Gründungsdirektor eines Konservatoriums in Frankfurt. Sein Schaffen ist – zu Unrecht – in Vergessenheit geraten.

Er vermählte sich 1859 mit der Schauspielerin Doris Genast. Mit der Lesung wurde auf Raffs Vielseitigkeit, damit das reichhaltige Oeuvre, hingewiesen. Er habe zu den brillantesten Harmonikern seiner Zeit gehört. Sinfonien, Lieder und Kammermusikalisches fanden Erwähnung. Bemerkenswert ist zudem sein Schaffen für Klavier zu vier Händen.

Die Zwischenspiele von Vilma und Daniel Zbinden wurden mit grosser Anteilnahme und Aufmerksamkeit mitverfolgt. Das gefühlvolle, wirblige und stimmungsreiche Interpretieren war ebenso elegant wie hochstehend, stiess auf verdient starke Beachtung. Die beiden Pianisten gestalteten bewegend kunstreich aus. So wurde man in die Zeiten zurückversetzt, die ebenso dramatisch, wild, versponnen lautmalerisch und schön waren wie es mit der Musik zum Ausdruck kam.

Und – wieder zu den vielen Texten zurückkehrend – erfuhr man, wie es damals im Hotel Glarnerhof so zu- und herging, wie zahlreich die «interessanten Parthien» am Weg ins «liebliche Klönthal mit den drei Gipfeln und dem 8000 Fuss hohe Felsen» waren. Es muss unglaublich beeindruckend und faszinierend gewesen sein. Vom Boot aus erfreute die Spiegelung des Vrenelisgärtli. Carl Spitteler schrieb – sichtlich bewegt: «Grindelwald und Engelberg zum Beispiel gelten mir als minderwertig im Vergleich zum Klöntal».  Im Richisau wurde 1830 eine erste Kuranstalt und ab 1874 ein Kurhaus geführt. Im Gästebuch figurieren beispielsweise Conrad Ferdinand Meyer, Jeremias Gotthelf und Gottfried Keller. Die tiefe Ruhe muss überwältigend gewesen sein.

Schweizerreisen waren begehrt. Gross war die Zahl der damit verlesenen Namen (George Sand, Victor Hugo, Alexandre Dumas, Gustave Flaubert und andere). Es war Dumas, der mit einem Glarner Jäger eine Gamsjagd unternahm. Das muss ebenso anstrengend, gefährlich wie trophäenreich gewesen sein. Bei der Anreise brannte noch das Pferd durch; es gab Materialschaden, sogar eine Gerichtsverhandlung. Gar leidenschaftlich und dramatisch ging das zu und her. Der bergungewohnte Dumas musste auf einem Tannenzweig fast ins Tal zurückgeschleppt werden. Gamsjäger Lehmann gab sich grosse Mühe und pries Dumas als «mächtigen Schütz».

Und weiter ging es mit den oft leidenschaftlichen Berichten – nicht bloss aufs Klöntal bezogen. Erwähnt wird das Bad Stachelberg mit seiner heilkräftigen Schwefelquelle und den beachtlich servierten 19 Gängen anlässlich der Diners. Bad Stachelberg verfügte in seiner Blütezeit über 150 Zimmer, separate Villen, Tennisplätze und einen Park mit Springbrunnen. Richard Wagner, der deutsche General Moltke und Napoleon III badeten sich – mit vielen anderen – gesund.

Anziehungspunkte waren auch das ruhigere Tierfehd und der Wasserfall des Fätschbachs. Geschwärmt wird von der «Pantenbrücke» und der Tödikette. Raff beschreibt malerisch, spürbar bewegt und voller Leidenschaft. In dieses Aufzählen gehören der der österreichische Literat Karl Kraus (1874 – 1936), Braunwald samt Bahn und anderes.

Zahlreich waren die Bildprojektionen. Sie verdeutlichten vieles, was so nachhaltig geschildert und eben auch musikalisch ausgedrückt worden war.

Beim Apéro ergab sich die willkommene Gelegenheit für zahlreiche, vertiefende Gespräche oder einfach Alltägliches. Diese Reise war in jeder Beziehung so etwas wie eine Offenbarung.