Die Weite fühlen – die Sicht von Pia Solèr

Klein ist das Format, in dem die Aufzeichnungen von Pia Solèr, einer willensstarken, gradlinig und beeindruckend weit erfassenden Hirtin aus dem Bündnerischen enthalten sind. Achtzehn Sommer sei sie – so ein Teil des Vorworts – auf der Alp gewesen. Das Hirtenleben habe sie gepackt; ihr Erfahren, Denken, Argumentieren und Entscheiden spürbar geprägt.



Eine ihrer Erkenntnisse: «Die stille Freiheit. Den Elementen ausgesetzt, in die Berge gebettet mit Tieren und Natur. Das prägt.» Für die Lesenden ist nicht immer spontan nachvollziehbar, dass der «Alpsommer nicht immer ein Dolce vita, aber immer Sonntag» sei. Da ist man zu weit weg, lässt sich aber bereitwillig einbeziehen. Zivilisation ist für die Autorin Cons, ein Weiler hinter Vrin.

Pia Solèrs Gedankengut ist ungewohnt; einiges scheint zuweilen von Unruhe, Sprunghaftigkeit erfüllt. Daran gewöhnt man sich rasch, folgt mit innerer Spannung und Anteilnahme diesem dicht gesponnenen Netz, diesem Neben- und Ineinander von Stadt, Land, Alp, Tieren, Gefühlen. Mit grosser Entschiedenheit, ehrlich und deutlich, mit zuweilen verständlicher Ungeduld wird argumentiert, in neue Stationen dieses wechselvollen Lebens eingeführt. Das Schildern erfolgt stets mit starker Direktheit; verlangt die Bereitschaft, sich auf Neues rasch einstellen zu können, erfordert dennoch bedachtsames Lesen. Verweilen, sich den Ausführungen hinzugeben ist notwendig. Damit taucht man in eine fremde, ungewohnte Welt ein, erfährt, was Natur, das Draussensein, Ziegen, die Alphütte, Kälte, Alleinsein, Kontakt, Arbeitsbelastungen, Helfen, sorgsames Beobachten und Herantasten, Alltag, Bedeutung des Hirtenhundes, Tierpflege sind. Diese Begriffe sind Teile des Seins, sie sind massgebend für Solèrs Leben, das weitab von unserem Alltag geschieht. Die Autorin nimmt einen mit riesiger Offenheit und Direktheit mit.

Über Hirten schreibt sie: «Hirten haben einen niedrigen Status. Oft werden sie Aussteiger genannt, oder man meint, sie kämen mit anderen Menschen nicht zurecht. Aber diese Ansichten zählen nicht, denn Hirten sind selten Herdenmenschen. Introvertiert und illoyal müssen sie deswegen nicht sein. Meistens sind sie intelligent, oft auch Akademiker. Sie lieben die Natur, und dazu gehören auch die Menschen.» 

Sie schreibt über Aufenthalte in fremden Ländern, ihr Begegnen mit diesen Kulturen, übers Alleinsein, das Leben in Grossstädten, die Macken einer Ziege, Besucher auf der Alp, tote oder verletzte Tiere, die romanische Sprache, über Lourdes, die beiden Kinder ihres Freundes – alles in kurzen Abschnitten. Nichts ist ellenlang und vertiefend abgehandelt.

Pia Solèr pflegt einen ganz eigenen Stil, der wohltuend direkt und offen ist. Hoffentlich werden sich viele Interessierte in diese Welt und deren neu erlebte Vielfalt hinführen lassen.