«Dort, wo ich nicht bin» – Die Kunst als Alternative? Referat von Michael Eidenbenz

Michael Eidenbenz referierte, sinnierte, argumentierte im frisch renovierten Saal des Märchenhotels Bellevue in Braunwald. Er zeigte auf, weshalb der im Programmheft enthaltene Titel einer wichtigen Korrektur bedurfte. Der richtige Titel enthielt die nicht unbedeutende Änderung, des Nicht – Seins. Die Ausführungen kamen einer Meditation übers Wochenthema gleich. Der Referent nahm Liedtexte zum Anlass, um seine weit fassenden Gedanken darzutun.




Schuberts Vertonung «Der Wanderer» setzte er wie selbstverständlich als bekanntes Allgemeingut voraus. Wo der Wanderer fremd ist, beginnt er zu suchen, findet vielleicht das Glück – das ihm fehlte, das er begehrt. Eidenbenz kam auf Geschichtliches zu reden, erwähnte beispielsweise die klischeeverbundene Welt von «Sweet Home», die ja so geschützt ist, für viele so bleiben soll. Er bezog Kunstformen ein. Sie seien oft «Ferienhäuschen mit Gartenzwergen», würden angebetet, seien zerdehnt, Allgemeinplatz.

Es geht vergessen, welchen Auftrag Kunst hat. Sie soll, ja muss kulturelle Sozialisierung ein. Deren Exponenten müssen hartnäckig fragen, intervenieren, kritisieren, wecken. Kunstschaffende sollen forschen, fördern, Lösungen aufzeigen. Es ist falsch, unangebracht, irgendwelche Kunst wie ein persönliches Kleinod zu bewahren. Sehnsuchtsforschung ist eine Sache mit gewaltigen Lücken und hohem Potenzial. Am Beispiel von Schuberts Kompositionen (Kunstlieder) führte Eidenbenz vertiefend in diese Idylle und Sehnsuchtserfahrungen ein.

Realität sieht anders aus. Kunstformen sind Philosophien, sind Wege zu Gegenwärtigem, zu Konflikten, zum Alltag. Und wenn sich der Suchende in das Refugium «Kunst» begibt, wählt er für kurze Zeit einen Rückzugsort, wo es Platz für ganz Persönliches, beispielsweise für den Reichtum an willkommenen, wohltuenden Gefühlen hat.

Eidenbenz befasste sich – in einem weiteren Teil seines fordernden Argumentierens – mit Unterrichtsfragen. Es genügt nicht, einfach Klappentexte und Zusammenfassungen zu lesen.

So lassen sich keine Erfahrungen gewinnen. Kunst und Kunstwerke zu erfassen ist ein lang dauernder, zuweilen nie endender Prozess. Begegnungen in Zusammenhang mit der Musikwoche sind Stationen dieses Weges. Es wurde auf weitere Konzerte und deren Inhalte hingewiesen. Zum jeweiligen Besuch wurde nachhaltig aufgefordert. So werde es – ganz banal ausgedrückt – möglich, den Alltag samt Fake-News, Onlineschaltungen wegzulegen, sich anderem hinzugeben – im ganz eigenen Refugium.

Eidenbenz ist sich sicher, dass Kunsterfahrungen und damit verbundenes Auseinandersetzen hilfreich sind, dem komplexen Alltag samt zu oft Unverständlichem zu entfliehen. Kunst ist Alternative: sie kann nur in ungebundener, nicht eingeschränkter Freiheit wachsen, Früchte tragen, Erkenntnisse anbieten. So wachsen die Fähigkeiten des persönlichen Argumentierens, Denkens, Mitvollziehens, Entwickelns. Die Vielfalt der Musik und Dichtkunst ist Grundlage. Was man rausnimmt und ins eigene Refugium trägt, hat mit der jeweiligen Person unabdingbar zu tun.

Und damit wurde man auf einen Weg entlassen, dessen Verlauf jeder eigenständig festlegt – eine Lebensaufgabe, die kaum ein Ende haben wird.