Ein ganzes Leben – szenische Lesung im Wortreich Glarus

Es ist anzunehmen, dass sich nicht alle Anwesenden in der Buchhandlung «Wortreich» in Glarus mit dem Schaffen des Buchautors Robert Seethaler auseinandergesetzt haben. Und wieviel «Ganze Leben» gibt es auf dieser Welt. Dazu gehören zumeist gute, ruhige, harmonische, bewegend dramatische, weltbewegende, beengende, glückliche Momente.




Es gibt auch «Ganze Leben», die einen in ihren Bann ziehen. Eine davon ist Robert Seethalers bewegende Geschichte des Andreas Egger, unwillkommener Bub in einem der vielen österreichischen Bergtäler. Seethaler schreibt unglaublich stark, innig und mit riesiger Offenheit – Abschnitte dieses Lebens beinahe protokollierend. Er entführt den Leser in eine Welt, die man so nicht direkt erleben möchte. Andreas Egger weckt tiefes Mitleid, macht unermesslich stark betroffen, weckt Staunen über den unerschütterlichen Mut, die innere Kraft, die Überzeugung im so vielschichtigen Handeln und Erleben. Das Schicksal dieses Mannes, dem nichts, aber auch gar nichts erspart blieb und der trotz grosser Ungerechtigkeit, die ihm zuteilwurde, immer wieder ein Zurück in seinen Alltag fand, wühlt auf. Eggers Weg barg eine unfassbare Zahl von Ecken, Kanten, Hindernissen – und innigen Schönheiten. Andreas Egger fiel oft, litt, konnte sich kaum wehren. Liegen blieb er einfach nie. Er rappelte sich stets wieder hoch, fasste auf seine Art Fuss, hinkend und doch geradlinig.

Und diese unglaubliche Vielfalt macht unweigerlich betroffen – Seethaler schreibt meisterhaft, intensiv, eingänglich. Er entführt in die Welt um 1933 und den Folgejahren. Und man ist rasch mitten in diesem so aufrüttelnden Geschehen, sehnlichst wünschend, dass sich das nicht zu oft und derart belastend wiederholen möge. Seethaler hat ein Schicksal geweckt, das so nachdenklich stimmt, einen traurig macht und offenbart, welche Stärke in diesem eigenwilligen Andreas Egger steckt – in einem Menschen, der in seiner Jugend vom Ziehvater so oft und brutal gezüchtigt wurde, dass er einen dauernd körperlichen Schaden davontrug, der so tüchtig mithalf, unter zeitweilig widrigsten äusseren Bedingungen aufwuchs, der bei einem Seilbahnunternehmen die verrücktesten, körperlich anstrengendsten und viel Mut erheischenden Arbeiten verrichtete, seine Marie kennen und lieben lernte und sie wegen einer mächtigen Naturkatastrophe verlor – samt Häuschen, weggefegt und verschüttet. Egger, der unerwartet in die Wirren des Zweiten Weltkrieges reingezogen wurde und irgendwo im Kaukasus einen Dienst leistet, dessen Sinn er nie erfasste, der erst 1951 freikam und dessen Erleben im Daheim endete. Es sind ergreifende, ungemein bewegende Botschaften, die Seethaler ausformuliert hat. Eggers Geschichte ist einem Kreis nicht unähnlich, aber diese Linie verläuft unharmonisch, schlägt Zacken, verharrt, ist zuweilen rasant weiterführend und urplötzlich und unerwartet ein klein wenig gerade.

Irina Schönen und Gian Rupf boten mit ihrer szenischen Lesung Bezüge zu dieser Reichhaltigkeit an. Christa Pellicciotta, Geschäftsführerin der Buchhandlung Wortreich, hiess die beiden Schauspieler herzlich willkommen. Irina Schönen war erstmals dabei, Gian Rupf ist ein wahrhaft «alter Bekannter», durfte man ihn doch schon 6-mal erleben.
Man wurde schnell in die Handlung reingeführt. Beseelt, stimmungsstark, gefühlvoll wurde gelesen, verharrt. Es wurde beschworen, gefleht, rapportiert, gefragt und zurückgegeben.

Eine reiche Fülle an Gefühlen kam auf, den Texten von Seehofer, 1966 in Wien geboren, dort und in Berlin lebend, kunstreich verpflichtet. Zuhören war reiner Genuss. Viele Inhalte machten betroffen. Man verfolgte die Geschehnisse hingebungsvolle, stark Anteil nehmend.

Beispielsweise, wenn es um den zu rettenden Hörnerhannes ging, um einen, der sich nicht retten lassen wollte, der dem Tod entfloh, sich im Schneegestöber wie auflöste; eine Situation, die am Schluss des Buches nochmals aufkommt – nur ist dann der Egger, um 1902 geboren, gealtert, durch viele Ereignisse geformt, unterwegs, ziellos, nicht wissend, wohin er denn eigentlich will.

Irina Schönen und Gian Rupf bieten ein stimmungsstarkes, inniges, kunstreich ausgestaltetes Begleiten durch viele Stationen dieses bemerkenswerten Mannes an. Ein Mensch, der leidet, wenn es etwas zu schreiben gibt oder wenn langes Erklären notwendig ist. Beide lassen sie Würde, Kraft und Unbeirrbarkeit aufleben. Leidenschaft, Glück, Liebe, Ablehnung, schier unmenschlich aufklingende Arbeitsbedingungen, stille Zuneigung, absolut zerstörerischer Lawinenniedergang, Tod der Marie, Alleinsein – so vielen Gefühlen gewähren die beiden Erzähler auf ihren eher wackeligen Stühlen, auf irgendwelchen Holzpalletten stehend, Raum. Und es sind stets erfüllte Räume, in die man geführt wird.

Es ist beispielsweise der März 1935, an dem sich Egger und Marie vermählen, nachdem Egger von seinen Baukollegen eine rührende Liebeserklärung am Berg hat hinzaubern lassen. Es ist die bedrohliche Nacht samt alles zerstörendem Rutsch aus betonhartem Schnee, Baumstämmen und Steinen; es ist Eggers Arbeit zwischen Himmel und Erde, wenn er wieder Seilbahnangestellter ist; es sind die Kriegszeit mit zwei Monaten an irgend einer der widersinnigen Fronten im Kaukasus und jahrelanger Kriegsgefangenschaft mit anschliessender Rückkehr in eine ihm eigentlich vertraute Umgebung. Aber alles, auch gar alles ist anders geworden, lauter, rascher, grösser, als er 1951 zurückkehrt. Und wieder fangen kurze, zarte und bewegende Momente an – Egger als umsichtig sorgender Bergführer, Egger in liebevoller Umarmung mit der pensionierten Dorflehrerin. In dieser Zeitspanne wird sein Ziehvater, der ihn einst immer wieder gezüchtigt hat, zu Grabe getragen. Egger geht mit.

Und dann legt sich der Winter übers Tal, Egger fährt mit dem Postautokurs zurück, steigt aus, findet sich am Beginn eines steilen Hangs, wischt sich die Schneeflocken weg. Und da kommt die Erinnerung an etwas, das schon lange zurückliegt, aber immer noch so präsent ist.

Und mit dieser stillen Botschaft verliess man dich Buchhandlung, dachte an so vieles zurück, das vernommen worden war und das Irina Schönen und Gian Rupf zum Leben erweckt hatten.