Ein Rocker, der nicht so richtig rockt

Die Bühnenpräsenz von Lorenz sucht ihresgleichen. Eine derart rasante Vermischung von Fakten, Kommentaren, eigenen Ansichten, das Philosophieren über Gott, die Welt und noch anderes, das Zitieren der Meinungen von Politikern und deren Parteien wickelt sich in einem unglaublichen Tempo ab, es wird ohne Pause geswitcht, Werbung ist nur ganz knapp, dann aber unglaublich treffsicher einbezogen.



Fotos von Lorenz Keisers variantenreichem
Fotos von Lorenz Keisers variantenreichem

Ob Lorenz Keiser wirklich so gerne Rocker geworden wäre, wie es in der Vorankündigung zum Auftritt deklariert war, ist leicht zu bezweifeln. Er ist ein Meister der Worte, der verbalen Statements und – in weit geringerem Umfang – der musikalischen Botschaften. Vordergründig hat er sich fast alle Instrumente zugelegt, die zu einer richtig edlen Rockband gehören – es fehlt einzig die Perkussionsgruppe, und ohne die ist jede Rockband der bedauerliche Abklatsch jener grossen Vorbilder, die mit enormem Getöse und irren Lichtspektakeln über die Bretter jener Welten hüpfen, die man gemeinhin als Bühne bezeichnet. Liebenswert wird er, wenn er sich das Handling der Gitarre via Handy erklären lässt, wenn er das Potenzial eines veritablen E-Pianos auslotet und die erzielten Stimmungen ungemein witzig Jahreszeiten und wahren Gefühlswallungen zuordnet. Er ist ein Meister im Ankündigen seines Auftritts (aus dem Dunkeln heraus, mit dem Beleuchter leicht hadernd), im Einbeziehen des Publikums, im leichten Plaudern mit jenen aus der ersten Reihe. Was ihn gar sympathisch auszeichnet ist die Tatsache, dass er niemanden verletzt, mit menschlichen Schwächen so anspielt, dass es keine abschätzigen Äusserungen gibt und in seinem Urteilen niemanden ausklammert.

Was gemeinhin «Rang und Namen» hat, kommt auf der keiserschen Bühne vor


Keiser denkt oft global, er rüttelt mit nachhaltiger Deutlichkeit auf, legt Finger auf wunde Stellen. Da bleiben die Lacher im Hals stecken, es beginnt beim Nachdenken zu würgen. Nur – Lorenz Keiser gestattet einem kaum die Zeitspannen des Sinnierens – schon ist wieder ein anderes Thema dran. Ist es in der Schweiz ein Problem, dass wir kaum oder gar keine Probleme haben? Und schon geht’s ans Überqueren eines Strassenzugs am Bellevue – du kommst nicht rüber, weil ein wahres Heer von Befragern und Unterschriftensammlern auf dich wartet. Gar lustvoll und virtuos spielt Lorenz Keiser derartige Momente aus. Explizit gedacht sei der bedrohten asiatischen Erdhörnchen, die aber gar nie ein Thema werden, weil wortreiche Erinnerungen an Feldzüge aufkommen. Keiser verbindet das mit meisterlicher Leichtigkeit, nachhaltig. Die Befragerin gibt auf – aber noch lauern andere bei diesem Wohltätigkeitsüberfall. Und schwungvoll geht’s weiter, es sind grossartige gedankliche Spaziergänge, mal zur erdrückenden Anzahl der Kindertagesstätten mit ungemein sinnigen Namen, zur beklemmenden Feststellung bezüglich Waffenexporten, zu Mörgelis Buch, das er dem Bereich der Europäischen Medizin im Biedermeier-Zeitalter zuordnet, zum Vergleich seiner Fertigkeiten im Flötenspiel und Aussagen von Filippo Leutenegger.

Er agiert sodann in einer Krimisequenz in Zürich Schwamendingen, immer in einer Vermischung von aufreizender Aufmüpfigkeit, verblüffenden Wendungen, Musikalität – gerockt soll sein. Und wenn die Querverweise atomaren Bedrohungen, Rüstungsindustrie, horrendem Energieverbrauch, sinnlos langen Transportwegen von billigen Importprodukten Menschenrechtsverletzungen und anderem gelten, ist es mit lustbetonter, virtuos getimter Unterhaltung definitiv vorbei. Keiser hat ein gutes, treffsicheres Gespür für Wechsel zwischen hohem Unterhaltungswert und kritischem, nicht selten schonungslosem Präsentieren unliebsamer Tatasachen. Er verpackt das eine ins andere – kündet sein Programm mit «Chäs & Brot & Rock`n`Roll» an und lässt offen, welcher Aufhänger zu welchem Programmteil passen könnte.