Schnell schaltete ich den Fernseher ein. Auf einigen Stationen kamen Berichte. Die ersten Bilder liessen nichts Gutes verheissen. Ich rief in Moskau an. Dort wusste meine Frau noch nichts davon. Das ist nicht verwunderlich.
Sofort kamen in mir wieder die Bilder hoch, als vor knapp einem Jahr, zwei Anschläge auf die Moskauer Metro verübt wurden. Meine Frau war genau in der Zeit der Anschläge mit der Metro unterwegs gewesen. Man kann das Gefühl, das man dabei erlebt, kaum beschreiben. Ist es Wut? Ist es Angst? Ist es Hilflosigkeit?
Auf alle Fälle ist es ein ungutes Gefühl. Als ich letzten Freitag nach Moskau zurückflog und am Flughafen Domodedowo den Zoll passierte, kam ich an der Stelle vorbei, an der noch vor wenigen Tagen viele Menschen getötet wurden.
Alles war abgesperrt und provisorisch umgebaut. Doch ich weiss, genau an der Stelle, an der ich jeweils auf den Chauffeur warte, die Bomben explodierten.
Es stimmte mich traurig. Ich kann es einfach nicht verstehen. Warum müssen unschuldige Menschen sterben? Die Vergangenheit hat es ja gezeigt, dass es nichts bringt. Politische Ziele können mit solcher Gewalt nicht erreicht werden. Der Hass der verschiedenen Volksgruppen scheint sehr gross zu sein.
Ob nach den Anschlägen im letzten Jahr oder auch jetzt, in den folgenden Wochen bewegt man sich in Moskau vorsichtig. Ich habe mich in der Metro und auch an anderen Orten, an denen viele Menschen waren, ertappt, dass ich mich misstrauisch umsehe. Ich beobachte und beurteile Menschen. Könnte das einer sein? Oder die? Wie sehen Attentäter eigentlich aus? An was kann man sie erkennen? Ich weiss es nicht. Und es hat auch keinen Sinn, darüber nachzudenken. Es dauert einige Zeit und man bewegt sich wieder ganz normal in der Stadt. Aber das ungute Gefühl bleibt. Auch wenn wir wissen, dass wir Ende April Moskau verlassen und nach Berlin ziehen werden. Die Bilder, die Gedanken und zeitweise auch die Angst, werden uns noch bis zum letzten Tag begleiten.
Martin C. Mächler
Moskau
Folk, Rock und Gitarrenfeuer mit con brio



