Eine Oase des Friedens

Eine wohltuende Oase des Friedens bot das Schauspiel «Der kleine Prinz» im Volkshaus Zürich. Das philosophische Märchen begeisterte als Gegenpol zur aktuellen weltpolitischen Situation.



«Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.» Dieses Geheimnis des Fuchses aus Antoine de Saint-Exupérys Meisterwerk «Der kleine Prinz» ist weltberühmt, hat Kultstatuts erreicht. Wie das ganze Märchen, das als Plädoyer für Freundschaft und Menschlichkeit interpretiert wird.

Der französische Flieger und Dichter hält der Gesellschaft mit dem philosophischen Werk voller Rätsel und Geheimnisse einen Spiegel der Welt vor, wie sie war, ist und sein könnte. Er erzählt von der Liebe, ihren Spielen und Masken, der Macht und der Eitelkeit, von der Lieblichkeit der Sonnenuntergänge, von der Wüste, ihren Geheimnissen und der Einsamkeit, vom sich Zurechtfinden zwischen Wesen und Verstellung auf der Suche nach Verantwortung und Sinn. Es ist eine poetische Welt der Fragen und Rätsel des spielenden Menschen, verzaubernd und wunderschön. Ich habe mich schon als Jugendliche in das vor mehr als 70 Jahren geschriebene Buch verliebt – und in die herrlichen Zeichnungen mit dazu.

Nun bin ich wieder eingeladen, in die geheimnisvolle Welt einzutauchen. Diesmal in der Form eines Schauspiels mit Anatole Taubman als Erzähler und Pilot sowie Anna Thalbach als kleiner Prinz. Eine Frau als kleiner Prinz? Mutig, aber wieso eigentlich nicht? Sie spielt hervorragend und lässt uns intensiv teilhaben an der Reise vom kleinen Asteroiden mit Vulkanen, Affenbrotbäumen zum Ausreissen und einer eigenwilligen Rose bis hin zur Erde, wo der kleine Prinz dann auch den Fuchs trifft.

Faszinierend sind die Zwischenhalte auf weiteren Asteroiden, welche Lebensfelder von ichbezogenen, in ihrer Berufswelt eingeschlossenen Menschen darstellen. Auf der Suche nach Freunden trifft der kleine Prinz eine ganze Reihe von einsamen Menschen: einen König, der ein fiktives Reich beherrscht und für den der kleine Gast nur ein Untertan ist; einen Eitlen, der ihn als Bewunderer sieht; einen Alkoholiker, der trinkt, um seine Trunksucht zu vergessen; einen Geschäftsmann, der behauptet, die Sterne zu besitzen; einen pflichtbewussten Laternenanzünder und einen Geografen, der riesige Wälzer schreibt, in denen jedoch zum Kummer des Prinzen die wichtigen Dinge des Lebens nicht beschrieben werden. Er versteht die grossen Leute nicht!

Das zeitlose Meisterwerk zeigt, dass es nur Frieden gibt, wenn jeder seinen Frieden mit sich selber macht – und mit seinen Nächsten um sich herum. So tauchen die Besucherinnen und Besucher im Volkshaus Zürich in eine wohltuende Oase des Friedens ein, zumindest während der Dauer des Schauspiels. Ich hätte mir etwas weniger Tanz und etwas mehr von den philosophischen Gedanken gewünscht, doch auch so hat mich die Aufführung begeistert.

Vielleicht müssten sich mehr Leute mit dem kleinen Prinzen beschäftigen, damit wir mehr Frieden auf der Welt hätten. Gerade in der aktuellen weltpolitischen Situation wäre dies nötiger denn je!