Eine seltsame Geschichte

Eines morgens, ich weiss nicht mehr genau wann das war, stand ich, Martin, vor dem Kühlschrank und hörte seltsame Geräusche. Ich meinte sogar Stimmen zu hören.




Das kann doch nicht sein. Vermutlich war ich noch nicht so richtig wach. Ich holte eine Tasse aus dem Schrank und hatte vor, mir einen Kaffee zu gönnen. Dazu gehört bei mir auch Kaffeerahm und der befand sich im Kühlschrank. Als ich wieder davorstand, hörte ich die Stimmen deutlicher. Irgendetwas sprach zu irgendetwas. Das ist aber mehr als seltsam. Ich legte mein Ohr an die Kühlschranktür und hörte gespannt zu.

«Nein, nein. Ich sage dir, hier drin ist es eindeutig zu kühl.» Die Stimme kam von ganz oben. Das muss das Eierfach sein.
«So ein Chabis! Die Temperatur ist genau richtig. Sonst werde ich welk. Du bist ein richtiges Weichei», sagte der Stangensellerie.
«Weichei? Ha, das sieht man, dass du keine Ahnung hast. Ich bin noch roh und nicht gekocht.»
«Ich finde auch, dass die Temperatur genau richtig ist», mischte sich der Schmelzkäse ein.
«Ruhe da oben!», rief die Wurst. «Es ist noch viel zu früh!»
«Früh? Es ist nicht zu früh. Ich könnte ja als Frühstücksei verwendet werden, und da muss ich bereit sein.»
Da mischte sich der Kopfsalat ins Gespräch ein: «Mein Gott, müsst ihr den schon wieder streiten?!
Jawohl, ich unterstütze diesen Einwand.»
«Musst du dich eigentlich überall einmischen und deinen Senf dazugeben?», rief die Butter.
«Nein, nicht immer und überall, aber ich bin nun einmal der Senf und auch ich habe das Anrecht auf meine Meinung, wenn ihr so einen Käse verzapft.»
«Was hat das alles mit mir zu tun?», empörte sich der Gruyère. Und bekam vom Raclettekäse Unterstützung.
«Das sieht man doch, oder hast du Tomaten auf den Augen?!», rief der Senf.
«Was ist los? Wer hat mich auf den Augen?»
Da meldete sich das Ei wieder: «Und wenn wir schon dabei sind, warum hat es hier drin eigentlich keinen Spiegel?»
«Wozu braucht du einen Spiegel?», fragte der Kopfsalat.
«Na wozu wohl. Ich könnte ja ein Spiegelei werden. Und wenn ich nicht weiss, wie ein Spiegel aussieht, wie kann ich ein gutes Spiegelei werden!»

Für einen Augenblick herrschte Ruhe im Kühlschrank. Da meldete sich die Milch: «Wenn ihr nicht sofort alle mit diesem Blödsinn aufhört, werde ich sauer.»
«Das bin ich schon», lachte der Zitronensaft.

Noch immer hielt ich mein Ohr gespannt und etwas ungläubig an die Kühlschranktür. Was war hier drinnen eigentlich los? Und warum hörte ich all diese Stimmen? Bis jetzt hatte ich geglaubt, Eier, Tomaten und Käse können nicht sprechen. Geschweige ein Kopfsalat oder gar die Milch. Verliere ich etwa meinen Verstand?

Ich musste dem ein Ende setzen. Und als ich die Kühlschranktür öffnete, war alles plötzlich ganz still. Als doch so etwas wie eine Halluzination. Ich war froh darüber. Sonst hätte ich womöglich noch einen Psychiater aufsuchen müssen. Als erstes nahm ich das Ei und legte es in das heisse Wasser. Ich hörte nichts, kein Aufschrei oder Gejammer. Dann kam der Gruyère an die Reihe. Ich schnitt ein Stück davon ab, liess aber die Kühlschranktür offen. Ich freute mich auf ein leckeres Frühstück, als ich hinter mir plötzlich wieder einige Stimmen hörte.

«Tür zu!» «Licht aus!» «Endlich mal wieder frische Luft.» «Mein Gott, ich schmelze gleich dahin.»

Ich wünsche Ihnen allen einen wunderschönen Tag.