Lange Zeit war die Geschichte der Anna Göldi in der Schweizer, aber auch Glarner Geschichte kaum mehr als eine Fussnote, eine dunkle Anekdote. Hier in Glarus wurde die letzte Hexe Europas hingerichtet. Und dass sie wahrscheinlich doch keine Hexe war, dachten wohl auch die meisten Glarner. Dass aber viel mehr dahinter steckt, deckte vor allem das Buch «Der Justizmord an Anna Göldi – Neue Recherchen zum letzten Hexenprozess in Europa» von Walter Hauser auf. Davor gab es zwar schon die Werke von Kaspar Freuler und Eveline Hasler. Die wirklich hohen Wellen schlugen aber die Erkenntnisse von Hauser und vor allem die Forderung nach einer Rehabilitierung.«Das Glarner Parlament hat damit ein Zeichen gesetzt», meinte dazu der Autor am letzten Samstag in der Buchhandlung Baeschlin. Dass eine Regierung eine «Hexe» rehabilitiert, sei bisher wohl auf der ganzen Welt einmalig. Auch angeregt durch das Buch setzte sich das Glarnerland mit Anna Göldi und ihrer Hinrichtung auseinander. Eine Folge davon waren in diesem Jahr die Anna-Göldi-Festspiele in Mollis. Die Grundlage dazu lieferte ein weiterer Glarner Autor Perikles Monioudis mit «Annas Carnifex». «In dem ganzen historischen Umfeld machte ich mich auf die Suche nach einer Figur, die während des Prozesses eine Veränderung durchmacht.“ Die Suche war dabei alles andere als einfach, da an den meisten Glarner die Geschehnisse spurlos vorbeigingen. Als er in den Unterlagen, die Monioudis von Walter Hauser erhielt, erfuhr, dass der Folterer darum bat, dass sein Sohn als Lehrling beim Prozess dabei sei dürfe, hatte er seine Hauptfigur gefunden. «Es war der Konflikt zwischen Liebe und Tradition der das Stück vorantreibt.» Für den Sohn stellt sich nämlich die Frage, ob er in die Fussstapfen des Vaters tritt, in ein blutiges Geschäft, geächtet von der Gesellschaft, oder ob er ausbricht und seinem Herzen folgt. «Mir stellte sich aber auch die Frage, was das Stück uns heute sagen kann.» Monioudis stellte dabei zwei für ihn wichtige Punkte heraus: Folter bringt nichts und Macht muss immer kontrolliert werden. Die Person des Protokollführers Johann M. Kubli ist das Zentrum des dritten Werkes, welches an diesem Samstag von der Autorin Nicole Lieberherr vorgestellt wurde. Landschreiber Johann M. Kubli aus Netstal war Protokollführer am Hexenprozess: gegen seine Überzeugung musste er die Begründung des Todesurteils von Anna Göldi verfassen. Die Glarner Behörde hatte die Bekanntmachung der Verurteilung durch Enthauptung unter Todesstrafe gestellt. Der Justizskandal wurde trotzdem publik. Kubli war daran massgeblich beteiligt. Später wurde er Regierungsrat in St. Gallen und gehört zu einer bedeutenden Person der Helvetik. Die Autorin hat dabei einen ganz persönlichen Kontakt zu ihrer Hauptfigur, wuchs sie doch seit ihrem 13. Lebensjahr im Kubli-Haus in Quinten auf. Die drei Werke zeigen, dass die Glarner Geschichte spannend wie ein Krimi sein kann und dass es sich lohnt sich mit ihr auseinanderzusetzen.
Barbara Hutzenlaub & Coco Chantal – die Sprechstunde der besonderen Art



