Es blieb die Frage, wie finanzierbar das ist, wie lange das eventuell dauert

Stephan Sigrist hatte mit seinem Referat mit dem Schwerpunkt: Wie wir morgen leben» – dies zum angekündigten Bereich «Kultur, Wirtschaft, Kreativität – was jetzt?» vieles in Gang gebracht. Es fragten sich viele, wie das umzusetzen sei, wer sich zusammenraufen müsse, um gemeinsam realisieren zu können, Wünschenswertes, Sinnbringendes von nicht Realisierbarem zu trennen. Es wurde auch aufgezeigt, dass sich technisch noch vieles verbessern lässt, da habe es viel «Luft nach oben».




Jodok W. Kobelt moderierte geschickt, zeigte Grenzen auf, munterte zum vernetzten Denken und anschliessenden Handeln auf. Er wies auf die vielen Daten und Datenbanken hin, fragte sich, wie geschickte, geschützte und nutzerdienliche, nicht ausbeutbare Datenbanken aufzubauen seien. Nicht alles – und da sind sich alle einig – was technisch machbar ist, bringt auch Nutzen. So gab er Fragen vor, die in die Diskussion einfliessen sollen. Welche Perspektiven haben wir? Was können Kunst und Kultur ausrichten? Patricia Mattle mahnte, die menschliche Wärme nicht auszuklammern und nicht blindlings auf den Segen der Technik zu setzen. Rahel Marti redete zu Glarus Süd und die attraktiven Lebensräume, die leerstehenden Gebäude. Wieso könnte man die temporär nicht anders nutzen? Kaba Rössler sprach zu erlebten Innovationen, die ganz viel mit einer gesunden Portion Neugier zu tun hätten. Einen anderen Aspekt steuerte RR Benjamin Mühlemann bei. Sinnvolles Erfinden und Entwickeln mache Sinn. Er redete über die Sehnsucht nach Urtümlichem und Grundbedürfnisse. Hartmut Wickert ging der Frage nach, was politisches Potenzial enthalte, welche Entwicklungstendenzen Sinn machen.

Stephan Sigrist brachte sich ebenfalls ein. Man habe einiges Verständnis für Innovationen. Das müsse unbedingt breit angedacht werden. Er forderte die «Kreativszene» auf, neue Ideen zu entwickeln, das am richtigen Ort und passend einzubringen. Es blieben die Fragen, wie das finanziert werden soll, wie lange derartige Prozesse dauern. Abschliessend wird das nie beantwortet werden können. Eine zentrale Frage ist jene nach der Zeitachse, nach dem langfristigen Horizont. Hinein spielt die Situation auf dem jeweiligen Arbeitsmarkt und wie man sich selber verwirklichen kann. Es ist schwierig, etwas Dauerhaftes zu verwirklichen. Hartmut Wickert zeigte auf, dass es für ausgebildete Künstler – als Beispiel – keinen Arbeitsmarkt gibt.

In jedes Projekt sind möglichst viele, Partner einzubinden. Von der immer eine zentrale Rolle spielenden Gewinnmaximierung muss Abstand genommen werden.

Die AXA, so Patricia Mattle, probiere, Innovationen anzukurbeln.

Natürlich kamen die langen Planungsprozesse und Gesetzliches in unserem Land, damit auch für Glarus Süd gültig, zur Sprache.

Kaba Rössler war realistisch. Die Themenkreise sind riesig. Man fragt sich natürlich, aus welcher Perspektive heraus agil agiert werden kann, damit innovative Prozesse zu wachsen vermögen.

Und Jodok W. Kobelt ist sich – wie viele andere auch – sicher, dass man nur in ganz, ganz kleinen Schritten vorankommen kann. Gar vieles ist einengend strukturiert. Die Skepsis gegenüber derart «neuartigen» Prozessen ist immens.

Stephan Sigrist fasste zusammen: Kompetenzen sind zu verbinden, nützlich sind flexible, kurze Möglichkeiten; man muss interdisziplinär unterwegs sein. Querdenken ist die Grundlage fürs Weiterkommen. Wenn man etwas will, muss man sich Zeit einräumen, andern auch Zeit geben. Visionen und Durchhaltewillen sind unabdingbar.

Und der Moderator fragte nach jenen, die grosse Visionen zu entwickeln vermögen, genug hartnäckig und leidenschaftlich sind.

Man kam auf das geplante Musikhotel in Braunwald und die ganz, ganz kleinen Entwicklungsschritte, dann auf Origen und dessen enorm kreativen und kraftvollen Leiter Giovanni Netzer zu reden. Jemand störte sich an zerfallen, ungepflegten Bauten, an Areale, die seit Jahren nicht überbaut werden.

Stephan Sigrist weiss, dass alles was mit der Zukunft kommt, auch mit der Vergangenheit zu tun hat. Glarus Süd habe Stärken. Visionen müsse man leben und den Ideen Platz gewähren.

Die Podiumsteilnehmer

Esgestalteten mit dem Referenten Stephan Sigrist und dem Moderator Rahel Marti, stellvertretende Chefredaktorin der Architekurzeitschrift «Hochparterre», Tagungsleiterin, seit 2011 Mitglied der Gestaltungsgruppe Glarus-Nord; Patricia Mattle, diplomierte Wirtschaftspädagogin, heute Leiterin des Autonomen Marktes im Bereich der Vorsorge der XA Schweiz in Winterthur; Regierungsrat Benjamin Mühlemann, Vorsteher des Departements Bildung und Kultur; Kaba (Karin Barbara Rössler, Leiterin des Stadtmuseums Aarau und Hartmut Wickert, Direktor des Departements Darstellende Künste und Film an der Zürcher Hochschule der Künste.

Versuch eines Kommentars

Das gesamte Auseinandersetzen nahm zweieinhalb Stunden in Anspruch. Es wurde viel geredet, manches erklärt. Es fanden sich auch aufmunternde, positive Erkenntnisse. Aber wenn etwas aus einer derartigen Runde mit zugegebenermassen sehr kompetenten Leuten – alle in ihrem jeweiligen Arbeits- und Familienfeld – konkret werden sollte, bräuchte es ganz, ganz viel Zeit, die Fähigkeit des Vernetzens, die Bereitschaft andern jene Zeit zu gewähren, die man sich selber einräumt. Und es braucht jenen zähen Optimismus und die Kenntnisse, die man aus dem Referat von Stephan Sigrist herausspürte. Er muss ein riesiger Optimist mit unerhörten Kraftreserven bleiben, damit sich gewisse kleine Fortschritte ergeben.

Dieses Fuder wirkte überladen. Man verliess das «Bsinti», den Ort des Geschehens mit einem seltsamen Gefühl. Was ist da wirklich Konkretes dran? Wie gross sind Wille und Fähigkeiten, sich zu vernetzen? Sind genügend Zeitreserven und finanzielle Mittel da, um sich ans Realisieren heranzuwagen? Wo soll mit Umsetzen begonnen werden? Wurde man mit dieser Überfülle nicht überfahren?