Er wurde von einem Dorfbewohner verraten, von der SS verhaftet, in verschiedene Gefängnisse gesteckt, landete schliesslich im Vernichtungslager Mauthausen und kehrte nach 16-monatiger Gefangenschaft wieder nach Cremenaga zurück, allein, unter riesigen Strapazen, verbunden mit einer Vielzahl äusserst belastenden Ungewissheiten.
Im Wortreich begrüsste Christa Pellicciotta in gewohnter Form. Fabio Andina 1972 in Lugano geboren, studierte Filmwissenschaften und Drehbuch in San Francisco. Heute lebt er im Bleniotal. Im Jahre 2020 erschien der mehrfach ausgezeichnete Roman «Tage mit Felice». Im Nachspann von «Sechzehn Monate» erwähnt der Autor, wie sein Grossvater in den Jahren 1943 und 1944 zum Fluchthelfer wurde und am 5. März 1944 durch die SS verhaftet wurde. Nach seiner Rückkehr – 16 Monate später – erzählte er niemandem von dem Unerträglichen, was ihm widerfahren war. Einzige Hinweise blieben im sogenannten «Arbeitsbuch für Ausländer» mit Reichsadler und Hakenkreuz, sein äusserst prekärer Zustand und unauslöschlich belastende Erinnerungen. Adinas Grossvater, Giuseppe Vaglio, war bei seiner Rückkehr zu seiner Familie 35 Jahre alt. Er verstarb im Alter von 75 Jahren, Andina war damals zwölf Jahre alt.
Jahre später begannen die umfangreichen Recherchen, die zum Roman führten. Es entstand ungemein Bewegendes, das in seiner Vermischung fasziniert, betroffen macht, einen mitleiden lässt. Andina zeigt Wechselvollstes auf, wechselt die Schauplätze gekonnt, lässt einen am Familienleben der Zurückgebliebenen ebenso teilhaben wie an dem, was die Kriegsgefangenen zu erleiden haben.
Und das macht riesig betroffen. Andina schreibt mit einer Leidenschaft, die niemanden loslässt. Seine Sprache ist eine ungemein gekonnte Vermischung von Gefühlen, Fakten, Bedrohlichem, Brutalem, Unmenschlichem, dann wieder familien- und dorfgebunden ungemein Zärtlichem, voller Glauben, Beten, Ersehnen. Es wachsen beispielsweise Briefinhalte seiner Ehefrau Concetta, Briefe, die aus den Gefängnissen nie beantwortet wurden. Man erlebt die tröstende Natur, nimmt am Hunger teil, den die Dorfbewohner zu erleiden und zu bewältigen haben. Man wird Zeuge am Leben der heranwachsenden Kinder, erhält Kenntnisse von ihren manchmal zahllosen Fragen wegen des Schicksals ihres verschwundenen Vaters. Man erfährt, wie schwierig, ja beinahe unmöglich ein Beantworten ist.
Bei dieser meisterhaft geschriebenen Lektüre gerät man unwillkürlich in aktuell Gültiges aus herrschenden Kriegen rein und erahnt – aus unserer so privilegierten friedlichen Ferne – wie gross Unrecht, Brutalität, masslose Willkür, Morden und andere Fakten sind, wie weit weg Frieden und Gerechtigkeit zuweilen sind.
Fabio Andina schreibt ungemein feinsinnig, weckt mit seinen Ansätzen, Nachdenken und Einfühlen, gibt sinnrichtige, zarte, dann wieder farbige, lebensfrohe Impulse. Es ist ein wertvolles Begleiten entstanden, das im Verlaufe der Lesung so nachhaltig zum Tragen kam.
Andina schildert riesig bewegend, einfühlend, deutet nicht selten in knappster Weise an, fordert damit in willkommener Art zum Mitdenken, Vermuten, Mitvollziehen an. Mit den hurtigen Wechseln zwischen der Situation der Dorfbewohner, deren Hoffen, Bangen und Erwarten, dem Hinwenden zu den innigen Gebeten seiner Frau und deren Leben als Zurückgelassene, die zuweilen so allein ist, weint, erfleht und der Brutalität während der langen Gefangenschaft und der strapaziösen, sich über 16 Monate dahinziehenden Heimkehr nach dem Verlassen des Vernichtungslagers wird eine Ganzheit geschaffen, die in jeder Beziehung stark beeindruckt, Bleibendes weckt.
Ein Dokumentarfilm entsteht
Im Verlaufe der Lesung – Jannis Pellicciotta las inhaltsbezogen einige Begebenheiten in deutscher Sprache, ansonsten war das gesamte Begegnen in italienischer Sprache ganz gefühlvoll und mit Übersetzungen ausgestaltet – wurde unter anderem auf die Entstehung eines Films hingewiesen. Er ist in Ausarbeitung und wird nicht vor kommendem Februar vorerst an Festivals, so der Buchautor, öffentlich verfügbar sein. Er selber spielt darin eine tragende Rolle.
Der Ausklang
Es wurde auch nachhaltig spürbar, wie fordernd Recherchieren und Verfassen waren. Oft stellte sich die zentralen Fragen, wie das alles wiedergegeben werden soll, damit es eine Gesamtheit darstellt. Der Autor sprach willkommen ehrlich über seine Betroffenheiten, über Schwierigkeiten beim umfassenden, zeitraubenden Zusammentragen der vielen Fakten, dem Zusammenfassen von Gesprächen mit Historikern und den Besuchen der verschiedenen Schauplätze.







